Ahr-Ännchen

Oh Mann, da ist sie schon wieder. Kaum, dass ich aus der Tür getreten war, lachte sie mich an und winkte verlockend mit ihrem Weinkrug. Dabei drehte der Ahr-Rotwein des vergangenen Abends noch seine Runden in meinem Kopf. Aber Ännchen stand schon mit ihrem Krug bereit und wartete auf die ersten Gäste. Neben ihr auf der Hauswand steht in großen Lettern: Anno Domini 1763. Trotz ihres jugendlichen Aussehens ist sie anscheinend doch ein paar Jahre älter als ich, und vermutlich wird sie mich auch um einige Jahre überleben. Die Voraussetzungen dafür sind nicht so schlecht. Was Rüdesheim für den Rheingau ist Ahrweiler für das Ahrtal. Und ich stand gerade in seiner „Drosselgasse“, als Ännchen sich alle Mühe gab, um mich zu verführen. Vor dem ersten morgendlichen Kaffee bin ich aber recht unleidlich und wortkarg (danach wird es ein wenig besser), deshalb ließ ich sie links liegen. Die sonst so proppenvolle Gasse der Weinseligkeit war noch ungewohnt leer. Das war vermutlich der frühen Stunde eines Tages außerhalb der Saison geschuldet, vielleicht auch dem eiskalten Wetter der vorangegangenen Tage. An den schattigen Stellen zeugten noch zähe Schneehäufchen davon. Viele Besucher, denen man hier begegnet, haben ihre Wanderstiefel geschnürt. Der Rotwein-Wanderweg lockt und abends die zahlreichen Schänken, in denen das Getränk ausgeschenkt wird, welches dem Wanderweg seinen Namen gab.

Das Weinbaugebiet der Ahr ist das größte geschlossene Rotweinanbaugebiet in Deutschland. Wer dem touristischen Powerpack in Ahrweiler entfliehen möchte, hat es schwer, wenn er denn mal hier ist. Die Altstadt ist von einer Mauer umschlossen, da gibt es kein Entrinnen, wenn man nicht eines der vier Stadttore findet. Private Beziehungen führen mich ab und an hier her, und mittlerweile bin ich schon durch alle Tore gegangen. Das gibt ein sicheres Gefühl, wenn man die Fluchtwege kennt. An diesem frühen Sonntagmorgen gab es keinen Grund zur Flucht. Die Gassen waren noch ausgestorben und nur einige Bäckereien hatten geöffnet. Der Hund führte mich zielstrebig zum Marktplatz. Auf den umstehenden Bänken lagen noch die Reste des Schneeregens, der am Abend zuvor den Heimweg eher ein bisschen unangenehm gestaltet hatte. Einen älteren Mann schien das nicht zu stören. Vor der St.-Laurentius-Kirche hatte er es sich auf einer Bank bequem gemacht. Saß der nicht schon in der vergangenen Nacht dort, ich war mir nicht mehr sicher. Vielleicht war er ja der Nachtwächter der Kirche oder suchte ihre Nähe. Wenn nichts mehr hilft, richtet auch der Atheist sein Stoßgebet in Richtung des Himmels, wenn auch heimlich. Jedenfalls ließ er mich an diesem Morgen nicht aus den Augen, als ich auf dem Marktplatz herumspazierte, d. h., mehr oder weniger dem Hund folgte. Gut, ich war auch der Einzige auf dem Platz, außer ihm. Ich widmete mich lieber dem Blick auf die steil aufragenden Weinberge, die hier gleich hinter den Häusern zum Himmel streben. Eiskalt, frostig und schneebestäubt strebt das Vulkangestein in die Höhe, schon sanft von der Sonne gestreichelt, die diesen Tag begleiten sollte. Mir fiel auf, dass ich die Kirche umkreist hatte. Ich stand schon einige Male davor, habe sie aber nie betreten. Dabei soll es sich lohnen, im Innern schmücken Wandmalereien aus einigen Jahrhunderten die Wände der St.-Laurentius-Kirche. Sie gilt als die älteste gotische Hallenkirche des Rheinlandes und seit 1269 wurde daran herumgewerkelt. Durch die protestantischen Bilderstürmereien vergangener Jahrhunderte, die evangelische Kirchen entleerten, habe ich oft den Eindruck, dass so etwas wie Spiritualität nur noch in katholischen Kirchen zu finden ist, kunsthistorisch Interessantes sowieso. Bei den Protestanten könnten im Kircheninnern auch regelmäßig die Sitzungen der örtlichen Versicherungsvertreter stattfinden. Gut, dort bräuchte man sicher auch einen festen Glauben.

Im Schaufenster eines kleinen Antiquariates entdeckte ich, neben den üblichen lieblosen Aquarellen und Stadtansichten der regionalen Tourismus-Bedarfsmaler, einen meisterlich radierten Hasen. Aufrecht stehend schaute er mich recht provokant an. So steht und schaut er schon seit 1923, als er durch die Druckpresse auf Papier gebannt wurde. Den Namen des Grafikers kann ich nicht entziffern, aber der hat eine handwerklich perfekte Arbeit abgeliefert, und ich mag so etwas. Er erinnerte mich in der Ausführung und im Stil ein wenig an Richard Müller, dessen Werk fast in Vergessenheit geraten ist. Allerdings würden beim Betrachten seines druckgrafischen Werkes heute auch einige Twitter-Mädels hyperventilieren und ein ganz schlechtes Bauchgefühl bekommen. Mittlerweile ist die Bilderstürmerei wieder sehr beliebt. Keine Überraschung, die Gegenwart ist immer auch schon viele Jahrhunderte alt. Meister Lampe im Schaufenster juckt das alles nicht. Er wird sicherlich seinen Käufer finden. Preisschild hat er keines, aber er wird einige Thaler kosten. Schließlich naht das Osterfest. Wer möchte da nicht seinen eigenen Osterhasen haben?

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel. 2018 Ahrweiler

Glückskeks auf Gottesacker

Glückskeks auf Gottesacker

Sonniges Spätsommerwetter begleitete den Gang durch eine Lindenallee. Licht und Schatten balgten sich in den Blättern um ihren Anteil an diesem Tag. Es ist Mittagszeit und fast menschenleer. Die Gedanken haben genug Raum. Das ist vorteilhaft, wenn man vor einem Friedhof steht, dessen hölzernes Portal den Eintretenden mit den Worten „Gesät wird in Vergänglichkeit“ mahnt. (Auf der gegenüberliegenden Seite des Friedhofes ein weiteres Portal mit der Inschrift: “Auferstanden wird in Unvergänglichkeit“). Beim Betreten kam dann ein überraschendes Hallo aus der Gegenwart. Ein Paar verließ grüßend den Friedhof. Womöglich kennt jemand den Blick von Frauen, die sich zufällig begegnen und dabei feststellen, dass sie das gleiche Kleid tragen. Nun war es die Tasche. Was ich sicher übersehen hätte, wurde von meiner Begleitung, mb, und der uns fremden Frau sofort erkannt und mit den gegenseitigen erstaunten und wortlosen Blicken zur Kenntnis genommen. Bei der Tasche handelte es sich um ein eher seltenes Exemplar einer kleinen hessischen Manufaktur. Auf manchem Friedhof ist Europa ein Dorf.

Wir stehen auf einem Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine, auf dem sich etwa 2.000 Grabstätten befinden. Auf einem fast rechtwinkligen Feld, umrahmt und durchkreuzt von Lindenalleen, liegen die Grabplatten aus grauem Felsgestein in der gleichen Größe in Reih und Glied ausgerichtet. Hier soll sich die Gleichheit aller Menschen vor Gott im Tod dem Betrachter offenbaren. Ein schmuckloser Gottesacker auf nackter Erde.

Meist bin ich genug damit beschäftigt, meiner eigenen Dummheit nicht allzu viel Raum zu geben, da bleibt mir kaum Zeit für eine, wie auch immer geartete Glaubensideologie. Das mit der Gleichheit ist natürlich auch nur eine Fiktion, der sich die Realität beharrlich verweigert. Wie es in himmlischen Gefilden damit bestellt ist, sage ich, wenn ich es weiß. Die Herrnhuter Gemeindemitglieder nahmen es mit der Gleichheit jedenfalls auch nicht ganz so penibel. Die Männer wurden westwärts und die Frauen ostwärts in der Reihenfolge ihres Heimgangs beerdigt. An diesem Tag wurden beide Seiten gleichermaßen von der Mittagssonne beschienen und die vertrieb solche Gedanken schnell, zumal ich mich selbst bei diesem herrlichen Wetter eher als Kind fühlte, das den Jackpot bei den Glückskeksen abgeräumt hat.

Der Gottesacker wurde 1773 eingeweiht. Die Grabsteine sind alle in der Reihenfolge ihrer Bestattung durchnummeriert. Die Nummer 1 wurde 1774 zur Ruhe gelegt, vier Jahre später war man bei Nummer 11 angelangt. Wer sich die Mühe macht, und die auf immer gleiche Weise in den Stein gehauenen Daten vergleicht, wird die wenig erstaunliche Feststellung machen, dass es in dieser Zeit mit der Lebenserwartung nicht so weit her war. Dafür war der Glaube an die Ewigkeit sicher ausgeprägter als es heute der Fall ist. Ähnliches dachte ich bei der Raupe, die sich auf einer zerfallenen Grabplatte den Platz an der Sonne gesucht hatte. Fingerdick und geschätzte 10 cm lang präsentierte sie sich als fettes Mittagessen für gefiederte Friedhofsbesucher, und ich hielt es für fraglich, ob sie ihr Ziel, ein schöner Nachtfalter zu werden, jemals erreicht. So oder so, irgendwann geht das Licht aus. Was an diesem Ort bleibt, sind die über viele Jahre von Wind und Wetter bearbeiteten Steinplatten, deren feine Schreibschriften immer mehr an Tiefe und Schärfe verlieren. Ebenso wie die Menschen, die darunter begraben liegen. Die Zeit gräbt sie scheinbar immer tiefer in die Erde, und ihre Geschichten werden zu vergessener Geschichte.

Andererseits bemüht man sich hier um die Geschichte, wenn schon die individuellen Geschichten zwangsläufig in Vergessenheit geraten. Der Ort heißt Christiansfeld in Dänemark und er steht mitsamt dem Gottesacker auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Der Name geht auf den dänischen König Christian VII zurück. Der hatte den Plan, die pietistische Herrnhuter Brüdergemeine, eine mehr oder weniger protestantisch orientierte christliche Glaubensgemeinschaft, auf seinem Land siedeln zu lassen. Nicht aus Glaubensgründen, sondern aus wirtschaftlichen Erwägungen. Fleißige Handwerker und Händler waren zu jeder Zeit begehrt. Um etwaige Glaubensdiskussionen im ureigenen Land (Dänemark) zu vermeiden, gab er ihnen einen Flecken Erde im Schleswiger Herzogtum, dessen Chef er damals praktischer Weise auch war. Das Herzogtum gehört heute zur Vergangenheit und zu Dänemark, und die heutigen Glaubensdispute sind, sofern sie überhaupt noch verbal geführt werden, von anderer Natur. Mir genügt es, die Tür abzuschließen, wenn die Missionare von Glaubensgemeinschaften davor stehen. Gleich von welcher Partei sie kommen.

Das 1773 gegründete Christiansfeld ist eine geplante Stadt mit einem architektonisch geschlossenen historischen Stadtbild. Das macht sie heute noch ganz sehenswert. Honigkuchen ist zwar ein anderes Thema, aber trotzdem sehr lecker. Nach einer alten Rezeptur der Herrnhuter Siedler von 1783 wird er noch heute im historischen Bäckereigebäude hergestellt, und obwohl ich kein Honigkuchen-Experte bin, nur der Mann für die Glückskekse, denke ich, dass er jeden Geschmackstest gut bestehen kann. Für eine andere Errungenschaft der Herrnhuter reicht es, die Werbeblätter durchzublättern. Jetzt, wo sich darin schon der Advent und die Weihnachtszeit warmlaufen, muss man nicht lange blättern, um auf einen Herrnhuter-Stern zu stoßen. Das sind die mit den 25 Zacken.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel, 2017 Dänemark

haushundhirsch

illustrative dinge

dieter motzel