Der Teufel steckt im Detail

Der Teufel steckt im Detail

Wenn man nicht ganz bei der Sache ist, wird aus dem eigenen fahrigen Tun schnell Fahrlässigkeit. Es war wenig überraschend, dass die Wäscheklammer meine kleine Schwäche nutzte und zubiss. Keine große Sache, sie erwischte die Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich war allein, deshalb schrie ich nicht vor Schmerz auf und verzichtete auch gänzlich auf minutenlanges Rumgejammere. Der Teufel, diese gestürzte Lichtgestalt, hatte sich in meinem Wäscheständer verfangen. Das wurde mir klar, als die Konstruktion noch meinen Daumen quetschte. Beim Ausklappen der Seitenteile spielten die Scharniere Fallbeil. Mein Glück, dass Rundrohre keine scharfen Kanten haben. Kein Aufschrei kam durch meine Lippen, der Teufel sollte nicht siegen, außerdem musste ja die Wäsche noch aufgehängt werden. Zwangsläufig beschäftigte mich der Gedanke, welche Rolle der Wäscheständer im Waffenarsenal des Teufels spielt. Ich erinnerte mich daran, dass vor Monaten der Wäscheständer einer Nachbarin spurlos verschwand, also ohne Wäsche, nur der Ständer. Wer klaut schon einen Wäscheständer, wenn er nichts Großes damit plant? Wir kennen solche Bilder, wenn tausende Wäscheständer durch die Straßen laufen und Parolen skandieren. Ähnlich wie Karteileichen, die in Parteien oder Vereinen, jenseits der aktiven Arbeit ihr Mitglieder-Dasein fristen, um dann bei wichtigen Abstimmungen von Vasallen herangekarrt werden. Jede Stimme zählt, und gibt auch schön Kaffee und Kuchen oder ein Herrengedeck. Warum sollte es also keine Wäscheständer-Revolution geben, wenn der Teufel das so will?

Seit vielen Jahren wohnt im gegenüberliegenden Haus eine japanische Familie. Ein Wäscheständer wird dort fast täglich neu bestückt. Regelmäßig schaut die Frau nach der Wäsche, prüft jedes Stück sorgsam, so manches wird hierhin und dorthin umgehängt. Der Trocknungsprozess der Wäsche wird mit ihren Händen sorgsam begleitet. Manchmal denke ich, dass erst die Aufmerksamkeit, die sie jedem Wäschestück zukommen lässt, eine Trocknung überhaupt möglich macht. Was bleibt, ist das sichere Gefühl einer Beständigkeit. Auch wenn sich die ganze Welt verändert. Solange auf ihrem Balkon die Wäsche trocknet, ist alles in Ordnung und der Teufel hat keine Chance.

 

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2018

Nachts sind alle Farben erfunden

 

Nachts sind alle Farben erfunden

„Wollen Sie die Farbinformation verlieren?“, fragt freundlicherweise mein Bildbearbeitungsprogramm, wenn ein Farbbild in Graustufen umgewandelt werden soll. Es sei nur am Rande bemerkt, dass das Bild dabei natürlich mehr verliert, als nur die Farbinformation. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Winter mir diese nicht unwichtige Information, als Option zur Verfügung gestellt hätte. Ich musste einfach hinnehmen, dass die Farbinformation über Monate verloren ging. Grau, Grau und Grau, gerne zusammengefasst als Grau-in-Grau. Seit Beginn der Wetteraufzeichnung, lässt uns der Deutsche Wetterdienst wissen, ist ein Winter noch nie so grau und trüb gewesen wie der diesjährige. Erstaunlich, dass ein Farbreiz, der dunkler als Weiß und heller als Schwarz ist, so bestimmend sein kann. Das Adjektiv gräulich ist mit Abscheu und Widerwillen verbunden, und so ziemlich alle grauen Wortverwendungen enden irgendwo in diesem Bereich. Vom Alltagsgrau bis zur grauen Maus summiert sich viel Negatives auf eine Farbe, die gar keine ist. Grau sollte als Gefühlbezeichnet werden, oder als eine Emotion, die kräftig nach unten Austritt. Wenn ich mir einen solchen Grau-in-Grau-Tag auf den digitalen Bildschirm legen würde, (Bildschirm fixiert, wie wir nun mal sind), könnte ich theoretisch 256 Grauabstufungen wahrnehmen. Immerhin ein schönes Spektrum zwischen Schwarz und Weiß, das uns einen grauen Tag differenzieren lassen würde. In Anbetracht dessen, dass das menschliche Auge so grob geschätzt 60 Grautöne unterscheiden kann, hätte der 256-Grauabstufungen-Tag immer noch mehr zu bieten, als wir wahrnehmen. So gesehen, hat ein Grau-in-Grau-Tag noch reichlich Luft nach oben, wenn wir sie nur wahrnehmen könnten.

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldener Baum“, lässt Goethe in seinem Faust sprechen. Rein praktisch bin ich weniger bei Mephistopheles, der verheißungsvoll das Leben in grüngoldener Verlockung erscheinen lässt, als Zeichner mag ich einfach den grauen Sumpf aus verschwärzlichter Farbpampe, hier fühle ich mich rechtschaffen wohl. Aristoteles, der in seinem Werk „Über die Sinne“ zu der Annahme kam, dass Farben sich in unterschiedlichen Mischungen aus Schwarz und Weiß zusammensetzen, erscheint mir dann näher, völlig unabhängig von allen physikalischen und neurologischen Erkenntnissen. Einige halten Farben sowieso nur für eine Erfindung unseres Gehirns. Der Ursprung aller Bilder ist für mich Schwarz-Weiß in vielen Schattierungen, und die Farben mag sich bitte jeder selbst denken.

Wer hier eine Farbe entdeckt, der hat sie sich erfunden.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2018

Die kunstsinnige Fliege

Die kunstsinnige Fliege

Über meinem Kopf hängt ein Ölbild. Wenn ich von unten schaue, sehe ich die Farbreste auf der einfachen Holzleiste, die das Bild umschließt. Es stand schon mit der Leiste auf der Staffelei im Atelier des Künstlers. An den Außenrändern des Bildes lugt noch die blanke Leinwand hervor, der Pinsel getraute sich nicht bis an die Leisten heran. Das Motiv zeigt im expressionistischen Duktus eine Landschaft am Meer. Grau, Blau, Indigo sind die vorherrschenden Farben, manchmal ein aufhellendes Weiß. Es gefällt mir nicht besonders, aber es ist nicht unprofessionell gemalt. 69 steht als Jahreszahl neben der Signatur. Es ist das beste Bild hier im gemieteten Haus. Mehr als ein Dutzend weitere Ölbilder hängen in den Räumen, und sie machen mich zunehmend unruhig. Wenn ich morgens im Bett aufwache, würde ich gerne das Bild sehen, das über meinem Kopf hängt. Weil mir dazu die anatomischen Möglichkeiten (Teleskophals o. ä.) fehlen, muss ich mich mit den Farbresten auf der unteren Leiste zufrieden geben. Ungute Gedanken erwarten mich am Fußende des Bettes, denn dort hängt mit Abstand das schlechteste Bild in der Wohnung. In mir verfestigt sich der übergriffige, aber sehr dringende Wunsch, es einfach zu übermalen. Blöderweise habe ich keine Ölfarben dabei. Vielleicht ist das auch gut so, denn ich kann mir gut vorstellen, es aus einem Impuls heraus tatsächlich zu tun. Und einmal angefangen, bin ich sehr schwer zu stoppen. Auch nicht von 18 Ölbildern unterschiedlicher Größe. Mangels Material bleibt es bei dem Gedanken, den ich allerdings ausführlich in Einzelheiten und in Farbe genieße. Mittlerweile kenne ich das Bild schon sehr genau. Nun ist auf dem Bild ein schwarzer Punkt aufgetaucht, wo eigentlich kein schwarzer Punkt hingehört. Ich weiß das, weil ich das Bild gefühlt schon vielfach übermalt habe (ein schrecklicher Albtraum wäre, es selbst gemalt zu haben). Obwohl er nicht dort sein dürfte, blieb er einfach. Bei einer näheren Betrachtung stellte sich heraus, dass der schwarze Punkt eine alte Bekannte war. Die kunstsinnige Hausfliege. Sie ist die einzige Fliege im Haus. Ich nehme an, sie fiel bei der Bildbetrachtung in eine Art Schockstarre. Gestern begutachtete sie ausgiebig die frische Tuschezeichnung in meinem Skizzenbuch. Das Interesse war jedenfalls vorhanden, sie rannte von einem Ende zum anderen und schaute sich dabei einige Details besonders genau an. Zum Abschluss nahm sie noch einen kräftigen Schluck aus einer noch feuchten Lache. Ich tat das auch, allerdings griff ich dabei zum falschen Glas. So war auch mir ein kräftiger Schluck von meiner Tuschezeichnung gegönnt. 

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2017

(Berliner) Tanzbären

(Berliner) Tanzbären

Eine Feder aus Metall spannt sich und setzt ein feines Räderwerk in Gang, das die immergleichen Bewegungen auslöst. Jedenfalls bis die treibende Kraft der Feder nachlässt und die Bewegungsabläufe langsamer und zögerlicher werden. Obwohl die Bewegungen vorhersehbar sind, kann ich doch meinen Blick selten abwenden und schaue mit Lust und viel Laune diesem einfachen mechanischen Spektakel zu. Im Laufe der Jahre haben sich bei mir viele, mit unter recht seltsame Figuren angesammelt, die sich zu den merkwürdigsten Verrenkungen bereit erklären, wenn ich ihr Innenleben in Gang setze. Genaugenommen müssen sie sich natürlich nicht bereit erklären, ich tue es einfach. Stecke einen Schlüssel in sie und fange an, ihn zu drehen. Die einzige Chance der Figur, den erwartbaren Bewegungen zu entkommen, besteht darin, kaputt zu gehen. Das kann schon mal passieren. Letztlich landen wir alle irgendwann mal auf dem Schrottplatz der Geschichte. Meine kleine pinkfarbene Maus gehört noch nicht zum Alten Eisen (sie ist auch aus Plastik). Sobald ich sie aufziehe, macht sie brav einen Salto rückwärts nach dem anderen und landet dabei immer mit beiden Beinen auf dem Boden, wenn er eben und trittfest ist.

Die beiden Tanzbären auf meinem gezeigten Bild entspringen einer Bildidee und keiner realen Figur aus meinem Kabinett. Der angedeutete Schlüssel, zum Aufziehen ihrer Mechanik, der aus ihrem Kopf ragt, lässt immerhin vermuten, dass sie zu Bewegungen fähig sind. Aber ganz gleich, in welcher Art Arme und Beine den Körper antreiben, ihr Kopf wird darauf keinen Einfluss haben, nur der, der den Schlüssel dreht, um den Mechanismus in Bewegung zu setzen.

In unserer gelebten Realität, die uns so ziemlich jeden Tag auf die eine oder andere Weise belästigt, ist der echte Tanzbär glücklicherweise verschwunden. Vor nicht allzulanger Zeit waren diese malträtierten Tiere noch häufiger in den Balkan-Ländern anzutreffen. Meist wurde den Braunbären ein Pflock durch die Nase getrieben, und viele der Besitzer versorgten sie großzügig mit schwarzgebranntem Fusel. Halbblind durch den Alkohol und an der Nase gezogen, trotteten sie durch die Städte und mussten sich zur Musik ihres Besitzers bewegen. Für den Betrachter entsteht das Bild der großen wilden Bestie, die sich den zarten Tönen der Musik unterwirft. Das kleine Menschlein unterwirft die ungezähmte Natur. Es sind diese Ur-Bilder aus unserer Vergangenheit, die unser Menschsein prägen. Dass dabei der Bär auf seinen Nasenring reagiert und nicht auf die Musik, spielt dabei eine Nebenrolle, schließlich ist es immer die pure Fiktion, die in unseren Gedanken die Hauptrolle hat.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2016

haushundhirsch

illustrative dinge

dieter motzel