Der Teufel steckt im Detail

Der Teufel steckt im Detail

Wenn man nicht ganz bei der Sache ist, wird aus dem eigenen fahrigen Tun schnell Fahrlässigkeit. Es war wenig überraschend, dass die Wäscheklammer meine kleine Schwäche nutzte und zubiss. Keine große Sache, sie erwischte die Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich war allein, deshalb schrie ich nicht vor Schmerz auf und verzichtete auch gänzlich auf minutenlanges Rumgejammere. Der Teufel, diese gestürzte Lichtgestalt, hatte sich in meinem Wäscheständer verfangen. Das wurde mir klar, als die Konstruktion noch meinen Daumen quetschte. Beim Ausklappen der Seitenteile spielten die Scharniere Fallbeil. Mein Glück, dass Rundrohre keine scharfen Kanten haben. Kein Aufschrei kam durch meine Lippen, der Teufel sollte nicht siegen, außerdem musste ja die Wäsche noch aufgehängt werden. Zwangsläufig beschäftigte mich der Gedanke, welche Rolle der Wäscheständer im Waffenarsenal des Teufels spielt. Ich erinnerte mich daran, dass vor Monaten der Wäscheständer einer Nachbarin spurlos verschwand, also ohne Wäsche, nur der Ständer. Wer klaut schon einen Wäscheständer, wenn er nichts Großes damit plant? Wir kennen solche Bilder, wenn tausende Wäscheständer durch die Straßen laufen und Parolen skandieren. Ähnlich wie Karteileichen, die in Parteien oder Vereinen, jenseits der aktiven Arbeit ihr Mitglieder-Dasein fristen, um dann bei wichtigen Abstimmungen von Vasallen herangekarrt werden. Jede Stimme zählt, und gibt auch schön Kaffee und Kuchen oder ein Herrengedeck. Warum sollte es also keine Wäscheständer-Revolution geben, wenn der Teufel das so will?

Seit vielen Jahren wohnt im gegenüberliegenden Haus eine japanische Familie. Ein Wäscheständer wird dort fast täglich neu bestückt. Regelmäßig schaut die Frau nach der Wäsche, prüft jedes Stück sorgsam, so manches wird hierhin und dorthin umgehängt. Der Trocknungsprozess der Wäsche wird mit ihren Händen sorgsam begleitet. Manchmal denke ich, dass erst die Aufmerksamkeit, die sie jedem Wäschestück zukommen lässt, eine Trocknung überhaupt möglich macht. Was bleibt, ist das sichere Gefühl einer Beständigkeit. Auch wenn sich die ganze Welt verändert. Solange auf ihrem Balkon die Wäsche trocknet, ist alles in Ordnung und der Teufel hat keine Chance.

 

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2018

Teufelsküche

Teufelsküche

Das leise Knacken der Luft ist ein untrügliches Zeichen für klirrende Kälte. Eine Eisplatte hat sich von einem der Dächer gelöst und ist beim Aufprall auf die Straße in tausend kleine Teile zerborsten. Ein mittelgroßes Teil klatscht mir an den Kopf. War also doch nicht die Luft, die leise geknackt hat, sag ich mal so. Der böige Ostwind treibt mir Tränen in die Augen, und beim Aufsammeln des Hundehaufens verschwimmt mir die Sicht im eigenen Wasser. Bin gar nicht mehr sicher, ob ich auch den richtigen Haufen erwischt habe. Jedenfalls ist etwas Weiches in der Tüte, die sich warm anfühlt. Kann also nicht so falsch gewesen sein, und wenn, es zählt die Geste des guten Willens. Es macht wenig Sinn, dem Hund einen Stock zu reichen, damit er mich sicher nach Hause geleitet. Ich habe ihn schon an der Leine, und er tut sein Bestes, mich in der Richtung zu halten. Unter Blinden ist der Einäugige König, heißt es. Die Möglichkeit seines einäugigen Sehens hat einfach den Vorteil, einen Trupp voller Blinder stolperfrei auf den Weg zu bringen und vielleicht sogar schon das Ziel vor Augen zu sehen. Ob es der richtige oder der falsche Weg ist, sei einmal dahingestellt. Dass so mancher Wege schwierig zu begehen ist, weiß auch jeder Sehende. Hindernisse, Stolperfallen und Gefahren, die Abseits bereits lauern, um an der nächsten Biegung sehr real zu werden. 

 

Wenn der Teufel ein Bein ausstellt, kann auch der Umsichtigste der Einäugigen nicht verhindern, dass ein Blinder strauchelt. Dann kann einiges in Zweifel gezogen werden.

 

„Wozu brauchen wir den Einäugigen als König, wenn er nicht verhindern kann, dass wir ins Straucheln geraten und ich mir dabei den Kopf anstoße?“

 

„Der hält sich nur für etwas Besseres. Dabei hat er auch nur ein Auge, und auf dem zweiten ist er genau so blind wie wir.“

 

„Vielleicht behauptet er auch nur, dass er einäugig ist. Oder hat es tatsächlich mal einer von uns gesehen, sein Auge! Nein? Na, da seht ihr es!“

 

„Es sollte einer von uns Blinden der Anführer sein. Ein Gleicher unter Gleichen!“

„Jawohl, nur ein Blinder hat das Recht einen Blinden zu führen!“

 

„Ja, wir nehmen uns alle an die Hand, und bilden eine Kette mit gleich starken Gliedern!“

 

„Wer geht als Erster voran?“

 

„Wir können uns ja abwechseln. Ich fange an!“

 

„Warum du, ich könnte auch den Anfang machen …“

 

„Stopp, ich mache den Anfang, ich bin der Älteste!“

 

„Ach ja, der Älteste, und was ist mit mir, ich bin der Jüngste. Ich habe noch Ausdauer und Kraft, ich gehe vorne weg!“

 

„Aber was ist mit ihm? Er ist nicht nur blind, sondern auch stumm. Er ist nicht schlechter als wir und er darf nicht ausgegrenzt werden. Ihm müssen wir unsere Stimme geben, soll er uns anführen!“

 

„Nein, der muss es machen. Er ist blind und taubstumm, ein wahrhafter Seher! Er soll unser Anführer sein!“

 

Alles nicht so einfach, wenn der Teufel anfängt in die Suppe zu spucken.

Abbildung und Text: Dieter Motzel. März 2018.

Nachts sind alle Farben erfunden

 

Nachts sind alle Farben erfunden

„Wollen Sie die Farbinformation verlieren?“, fragt freundlicherweise mein Bildbearbeitungsprogramm, wenn ein Farbbild in Graustufen umgewandelt werden soll. Es sei nur am Rande bemerkt, dass das Bild dabei natürlich mehr verliert, als nur die Farbinformation. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Winter mir diese nicht unwichtige Information, als Option zur Verfügung gestellt hätte. Ich musste einfach hinnehmen, dass die Farbinformation über Monate verloren ging. Grau, Grau und Grau, gerne zusammengefasst als Grau-in-Grau. Seit Beginn der Wetteraufzeichnung, lässt uns der Deutsche Wetterdienst wissen, ist ein Winter noch nie so grau und trüb gewesen wie der diesjährige. Erstaunlich, dass ein Farbreiz, der dunkler als Weiß und heller als Schwarz ist, so bestimmend sein kann. Das Adjektiv gräulich ist mit Abscheu und Widerwillen verbunden, und so ziemlich alle grauen Wortverwendungen enden irgendwo in diesem Bereich. Vom Alltagsgrau bis zur grauen Maus summiert sich viel Negatives auf eine Farbe, die gar keine ist. Grau sollte als Gefühlbezeichnet werden, oder als eine Emotion, die kräftig nach unten Austritt. Wenn ich mir einen solchen Grau-in-Grau-Tag auf den digitalen Bildschirm legen würde, (Bildschirm fixiert, wie wir nun mal sind), könnte ich theoretisch 256 Grauabstufungen wahrnehmen. Immerhin ein schönes Spektrum zwischen Schwarz und Weiß, das uns einen grauen Tag differenzieren lassen würde. In Anbetracht dessen, dass das menschliche Auge so grob geschätzt 60 Grautöne unterscheiden kann, hätte der 256-Grauabstufungen-Tag immer noch mehr zu bieten, als wir wahrnehmen. So gesehen, hat ein Grau-in-Grau-Tag noch reichlich Luft nach oben, wenn wir sie nur wahrnehmen könnten.

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldener Baum“, lässt Goethe in seinem Faust sprechen. Rein praktisch bin ich weniger bei Mephistopheles, der verheißungsvoll das Leben in grüngoldener Verlockung erscheinen lässt, als Zeichner mag ich einfach den grauen Sumpf aus verschwärzlichter Farbpampe, hier fühle ich mich rechtschaffen wohl. Aristoteles, der in seinem Werk „Über die Sinne“ zu der Annahme kam, dass Farben sich in unterschiedlichen Mischungen aus Schwarz und Weiß zusammensetzen, erscheint mir dann näher, völlig unabhängig von allen physikalischen und neurologischen Erkenntnissen. Einige halten Farben sowieso nur für eine Erfindung unseres Gehirns. Der Ursprung aller Bilder ist für mich Schwarz-Weiß in vielen Schattierungen, und die Farben mag sich bitte jeder selbst denken.

Wer hier eine Farbe entdeckt, der hat sie sich erfunden.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2018

Die kunstsinnige Fliege

Die kunstsinnige Fliege

Über meinem Kopf hängt ein Ölbild. Wenn ich von unten schaue, sehe ich die Farbreste auf der einfachen Holzleiste, die das Bild umschließt. Es stand schon mit der Leiste auf der Staffelei im Atelier des Künstlers. An den Außenrändern des Bildes lugt noch die blanke Leinwand hervor, der Pinsel getraute sich nicht bis an die Leisten heran. Das Motiv zeigt im expressionistischen Duktus eine Landschaft am Meer. Grau, Blau, Indigo sind die vorherrschenden Farben, manchmal ein aufhellendes Weiß. Es gefällt mir nicht besonders, aber es ist nicht unprofessionell gemalt. 69 steht als Jahreszahl neben der Signatur. Es ist das beste Bild hier im gemieteten Haus. Mehr als ein Dutzend weitere Ölbilder hängen in den Räumen, und sie machen mich zunehmend unruhig. Wenn ich morgens im Bett aufwache, würde ich gerne das Bild sehen, das über meinem Kopf hängt. Weil mir dazu die anatomischen Möglichkeiten (Teleskophals o. ä.) fehlen, muss ich mich mit den Farbresten auf der unteren Leiste zufrieden geben. Ungute Gedanken erwarten mich am Fußende des Bettes, denn dort hängt mit Abstand das schlechteste Bild in der Wohnung. In mir verfestigt sich der übergriffige, aber sehr dringende Wunsch, es einfach zu übermalen. Blöderweise habe ich keine Ölfarben dabei. Vielleicht ist das auch gut so, denn ich kann mir gut vorstellen, es aus einem Impuls heraus tatsächlich zu tun. Und einmal angefangen, bin ich sehr schwer zu stoppen. Auch nicht von 18 Ölbildern unterschiedlicher Größe. Mangels Material bleibt es bei dem Gedanken, den ich allerdings ausführlich in Einzelheiten und in Farbe genieße. Mittlerweile kenne ich das Bild schon sehr genau. Nun ist auf dem Bild ein schwarzer Punkt aufgetaucht, wo eigentlich kein schwarzer Punkt hingehört. Ich weiß das, weil ich das Bild gefühlt schon vielfach übermalt habe (ein schrecklicher Albtraum wäre, es selbst gemalt zu haben). Obwohl er nicht dort sein dürfte, blieb er einfach. Bei einer näheren Betrachtung stellte sich heraus, dass der schwarze Punkt eine alte Bekannte war. Die kunstsinnige Hausfliege. Sie ist die einzige Fliege im Haus. Ich nehme an, sie fiel bei der Bildbetrachtung in eine Art Schockstarre. Gestern begutachtete sie ausgiebig die frische Tuschezeichnung in meinem Skizzenbuch. Das Interesse war jedenfalls vorhanden, sie rannte von einem Ende zum anderen und schaute sich dabei einige Details besonders genau an. Zum Abschluss nahm sie noch einen kräftigen Schluck aus einer noch feuchten Lache. Ich tat das auch, allerdings griff ich dabei zum falschen Glas. So war auch mir ein kräftiger Schluck von meiner Tuschezeichnung gegönnt. 

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2017

Schnampelweg

Darmbachaue. Foto: Dieter Motzel.

Schnampelweg

„Seine hervorstechenden Eigenschaften sind leises, dergleich nicht immer zartes Gefühl, lebhafter Witz und einiges Talent für Versification. Ein Mann dieser Art konnte sich keine glänzende Laufbahn öffnen.“ Das schrieb Garlieb Helwig Merkel 1812 in seinen „Skizzen aus meinem Erinnerungsbuche“, und er meinte damit nicht mich, denn wir sind uns erstaunlicherweise nie begegnet.

Mit „Highway to Hell“ in der Wiederholungsschleife hatte ich als Ziel den Schnampelweg. Der ist hier in Darmstadt, und nach zweimaligem Abspielen und einem kleinen Gehörsturz hatte ich das Ziel erreicht. Den Schnampelweg. Warum er so heißt, wie er heißt, entzieht sich meiner Kenntnis. Selbst eine einleuchtende Erklärung, die mir zu Ohren gekommen ist, lässt mich letztlich unwissend zurück, weil das Wort, von dem seine Herkunft abgeleitet wurde, mir gänzlich unbekannt ist. Das Wort heißt „schnampampeln“ und soll müßig umherschlendern bedeuten. Am Anfang des Weges ist von Müßigkeit wenig zu spüren, an Wochenenden herrscht eher die Hölle vor (das Begleitlied ist nicht ohne Grund ausgewählt), wie in vielen Gebieten, die man zur Naherholung deklariert. Parkplatzchaos und Horden von Familien, die ihre Kleinen zwecks eigener Nervenberuhigung in den Darmstädter Zoo, Vivarium genannt, schleppen. Mit meinen Nerven war es nicht mehr weit her, als auch noch eine Großfamilie beschloss, sich an der Hand zu nehmen und eine Menschenkette bildete, um den schmalen Weg in ganzer Breite nutzen zu können. Da ich nicht im Ansatz daran dachte, von meinem Weg abzuweichen, musste mein stoischer Eigensinn zwangläufig mit der freudigen ‚wir haben uns alle so lieb Menschenkette‘ kollidieren. Es blieb aber bei bösen, sehrsehr bösen Blicken, als ich die Kette durchbrach. Das Vivarium hinter sich lassend, ist das Gröbste überstanden und alles verläuft sich ein wenig in den schattigen Darmbachauen. Der Darmbach ist ein kleiner Bach, na ja, diese Bezeichnung ist sehr gut meinend. Realistisch betrachtet ist die Bezeichnung Rinnsal stimmiger, die in den trockenen Sommermonaten besonders treffend ist. (Darmstadt ist übrigens nicht nach dem Bach benannt, es ist umgekehrt).

Darmbachaue zum Zweiten. Wird einfach nicht schöner. Foto: Dieter Motzel.

Darmstadt ist ja eine der wenigen Großstädte, die keine Flussanbindung haben, deswegen ist es verständlich, dass man heute den Darmbach in Ehren hält und ihn an dieser Ecke, in der ich unterwegs bin, vor Jahren renaturierte, ein kleines Stückchen jedenfalls. Schließlich soll man hier ungestört schnampampeln können. So wie einst Matthias Claudius, sagen wohlmeinende heimatliche Zungen, und zwar so etwa alle hundert Jahre, wenn wieder ein rundes Geburts-, Todes- oder sonstiges Jubiläum ansteht. So auch 2015, als Matthias Claudius durch die Feuilletons gejagt wurde, weil er 200 Jahre tot war. Natürlich werden dabei immer so strittige wie unsinnige Fragen erörtert, wie bei Claudius, wo er denn nun die vielleicht berühmteste deutsche Dichtung geschrieben hat. Sein Abendlied. Drei Orte bringen sich dabei in Stellung.

Na ja, die andere Richtung weist auf den Kotelett-Pfad. Keine einfache Wahl.

Foto: Dieter Motzel.

Darmstadt ist einer von ihnen, und der Schnampelweg die genauere Lokalisierung. Dort geht der Mond über dunklen Wäldern auf, und in den Wiesen hängt weißes Zeugs, und manchmal ist sogar der Nachbar krank. Wie, wird der ein oder andere einwenden, das haben wir auch vor der Haustür … und der Nachbar klingt auch krank. Dunkle Wälder, neblige Wiesen und sogar Mond. Das mag natürlich so sein, aber bei Euch ist 1777 nicht Matthias Claudius durch die Landschaft gestiefelt, hier in Darmstadt schon!

Matthias Claudius. Zeichnung: Dieter Motzel.

Insofern ist zumindest der Gedanke nicht ganz abwegig, dass Claudius während seines knapp einjährigen Aufenthalts in Darmstadt dieses, 1778 erschienene, wunderbare Stück geschrieben hat. Allerdings halte ich die Vorstellung für sehr naiv, dieses Gedicht oder die Inspiration dafür, einem bestimmten Ort zuordnen zu wollen. Auf dieser Bank, gestiftet von der Sparkasse, saß der große Dichter und sah den Mond aufgehen, klingt ja auch nicht so schlecht, und den ermatteten Wanderer erfreut es. Es bleibt aber wohl nur einheimische Folklore.

„… alles mit dem Ziel, den guten fleißigen Unterthanen jede Gattung seiner Arbeit fruchtbarer, seine Abgaben leichter, sein ganzes Leben froher, sein Himmel blauer, ihn Stolz auf sein Vaterland, zufrieden mit sich selbst und dankbar gegen seinen Fürsten zu machen.“ Nein, das ist kein Auszug aus einer Wahlkampfrede von Martin Schulz. Das hat der Leiter der Hessischen Landkommission, Friedrich Karl Moser, obwohl irgendwie immer noch zeitgemäß, 1777 geschrieben. Ein paar Jahre vorher hatte der Landgraf Ludwig IX von Hessen-Darmstadt beschlossen, diese Kommission einzurichten, mit dem Ziel einer Verbesserung der Nahrungsmittelproduktion.

„Landgraf Ludwig IX von Hessen-Darmstadt“. Zeichnung: Dieter Motzel.

Er gilt als „fortschrittlicher“ Landgraf. Diese Ansicht kann ich nur bedingt teilen. Schließlich hat er Pirmasens gegründet, … wer macht sowas?

Es ging letztlich um die Einführung der Dreifelderwirtschaft und die Nutzbarmachung von Brachen etc.. Auf Vermittlung von Johann Gottfried Herder, (der durch den literarischen Darmstädter „Kreis der Empfindsamen“ Verbindungen zu Darmstadt hatte, das ist aber eine andere Geschichte), erhielt Matthias Claudius 1776 eine Anstellung als Landkommissar in Darmstadt. Ihm oblag die Aufgabe, die Landreform unter die Bauersleute zu bringen. Im Jahr darauf wurde er noch Redakteur der „Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung“, das war so etwas, wie das Publikationsmedium des Reformprogramms. Dumm nur, dass die Lesefähigkeit der Bauern damals nicht sehr ausgeprägt war. Die Reform hatte allerdings auch nur mäßigen Erfolg.

Nach seiner Ankunft schrieb Claudius in einem Brief „Die Gegend ist hier ein Paradies.“, und dass es ihm weder an Nahrung, noch an Wein und Tabak (oder war es Kaffee?) mangele. Das mit der Gegend kann ich natürlich bestätigen. Aber es mangelte ihm an der nötigen Beamtenmentalität, und so blieb sein Aufenthalt nur eine einjährige Episode. Das Anfangszitat von Merkel galt übrigens Matthias Claudius.

"Matthias Claudius lässt den Mond steigen“. Zeichnung: Dieter Motzel.

Das Abendlied kennt natürlich jeder:

 

Der Mond ist aufgegangen,

die goldnen Sternlein prangen

am Himmel hell und klar;

der Wald steht schwarz und schweiget,

und aus den Wiesen steiget

der weiße Nebel wunderbar.

 

Wie ist die Welt so stille

und in der Dämmrung Hülle

so traulich und so hold!

Als eine stille Kammer,

wo ihr des Tages Jammer

verschlafen und vergessen sollt.

 

Seht ihr den Mond dort stehen?

Er ist nur halb zu sehen

und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen,

die wir getrost belachen,

weil unsre Augen sie nicht sehn.

 

Wir stolzen Menschenkinder

sind eitel arme Sünder

und wissen gar nicht viel;

wir spinnen Luftgespinste

und suchen viele Künste

und kommen weiter von dem Ziel.

 

Gott, laß uns Dein Heil schauen,

auf nichts Vergänglichs trauen,

nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden

und vor Dir hier auf Erden

wie Kinder fromm und fröhlich sein!

 

Wollst endlich sonder Grämen

aus dieser Welt uns nehmen

durch einen sanften Tod!

Und wenn Du uns genommen,

laß uns in Himmel kommen,

Du, unser Herr und unser Gott!

 

So legt euch denn, ihr Brüder,

in Gottes Namen nieder!

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen;

und laß uns ruhig schlafen

und unsern kranken Nachbar auch!

 

So schrieb das Matthias Claudius, … und yep, es ist wie schnampampeln am Schnampelweg.

 

 Kleiner Nachtrag:

Zu einem Lied wurde das Gedicht im Jahr 1790. Johann Abraham Schulz vertonte die Strophen seines Freundes Matthias Claudius. Wer will, kann sich an Wader oder Grönemeyer wenden, die haben das auch ab und an in ihrem Programm. Wenn ich singen könnte wie Schubert, würde ich seine Version von 1816 singen. Nur so!

 

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel. August 2017.

(Berliner) Tanzbären

(Berliner) Tanzbären

Eine Feder aus Metall spannt sich und setzt ein feines Räderwerk in Gang, das die immergleichen Bewegungen auslöst. Jedenfalls bis die treibende Kraft der Feder nachlässt und die Bewegungsabläufe langsamer und zögerlicher werden. Obwohl die Bewegungen vorhersehbar sind, kann ich doch meinen Blick selten abwenden und schaue mit Lust und viel Laune diesem einfachen mechanischen Spektakel zu. Im Laufe der Jahre haben sich bei mir viele, mit unter recht seltsame Figuren angesammelt, die sich zu den merkwürdigsten Verrenkungen bereit erklären, wenn ich ihr Innenleben in Gang setze. Genaugenommen müssen sie sich natürlich nicht bereit erklären, ich tue es einfach. Stecke einen Schlüssel in sie und fange an, ihn zu drehen. Die einzige Chance der Figur, den erwartbaren Bewegungen zu entkommen, besteht darin, kaputt zu gehen. Das kann schon mal passieren. Letztlich landen wir alle irgendwann mal auf dem Schrottplatz der Geschichte. Meine kleine pinkfarbene Maus gehört noch nicht zum Alten Eisen (sie ist auch aus Plastik). Sobald ich sie aufziehe, macht sie brav einen Salto rückwärts nach dem anderen und landet dabei immer mit beiden Beinen auf dem Boden, wenn er eben und trittfest ist.

Die beiden Tanzbären auf meinem gezeigten Bild entspringen einer Bildidee und keiner realen Figur aus meinem Kabinett. Der angedeutete Schlüssel, zum Aufziehen ihrer Mechanik, der aus ihrem Kopf ragt, lässt immerhin vermuten, dass sie zu Bewegungen fähig sind. Aber ganz gleich, in welcher Art Arme und Beine den Körper antreiben, ihr Kopf wird darauf keinen Einfluss haben, nur der, der den Schlüssel dreht, um den Mechanismus in Bewegung zu setzen.

In unserer gelebten Realität, die uns so ziemlich jeden Tag auf die eine oder andere Weise belästigt, ist der echte Tanzbär glücklicherweise verschwunden. Vor nicht allzulanger Zeit waren diese malträtierten Tiere noch häufiger in den Balkan-Ländern anzutreffen. Meist wurde den Braunbären ein Pflock durch die Nase getrieben, und viele der Besitzer versorgten sie großzügig mit schwarzgebranntem Fusel. Halbblind durch den Alkohol und an der Nase gezogen, trotteten sie durch die Städte und mussten sich zur Musik ihres Besitzers bewegen. Für den Betrachter entsteht das Bild der großen wilden Bestie, die sich den zarten Tönen der Musik unterwirft. Das kleine Menschlein unterwirft die ungezähmte Natur. Es sind diese Ur-Bilder aus unserer Vergangenheit, die unser Menschsein prägen. Dass dabei der Bär auf seinen Nasenring reagiert und nicht auf die Musik, spielt dabei eine Nebenrolle, schließlich ist es immer die pure Fiktion, die in unseren Gedanken die Hauptrolle hat.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2016

Besiedlung der Zeit

Besiedlung der Zeit

Um eine Wartezeit zwischen zwei Terminen zu überbrücken, spazierte ich, mehr oder weniger zufällig, einen Teil meines alten Schulweges ab. Als Knirps ging ich diesen Weg fast jeden Tag (Helikopter-Eltern gab es damals einfach noch nicht). Es ist ein Weg der verlorenen Orte geworden, und das Verschwundene stößt bei mir auf ein größeres Interesse, als das neu Hinzugekommene. So sehr ich meinen Blick auch nach oben richte, die kunstvoll an die Dachvorsprünge geklebten Nester der Schwalben sind verschwunden. Dafür ist nun der geteerte Bürgersteig sauber und nicht mehr mit Schwalbenscheiße bedeckt. An dieser Stelle des Weges konnte man schon die Schule riechen, und wenn die Straße nach 50 Metern nicht abknicken würde, könnte man sie auch schon sehen. Jedenfalls war es die Stelle, an der keine Umkehr mehr möglich war. Der Sog des täglichen Bildungspensums war zu stark. Meistens machte ich also schon vorher kehrt. Ein böser Widerwille zwang mich manchmal dazu. Mein zweifelhafter Rekord als Fünftklässler lag bei über 4 Wochen unentschuldigtem Fehlen. An einem Stück versteht sich. Ein Rätsel, warum dieser Umstand meines nicht Vorhandenseins erst nach Wochen auffiel. Allerdings war das Unwetter, das sich danach über mir zusammenbraute, bei seiner Entladung auch nicht so ohne. Ich überlebte, ohne dabei wirklich zu glänzen, aber es gab wohl Versäumnisse von allen Seiten, was dazu führte, möglichst schnell einen Deckel über die Sache zu nageln. Die verstörenden Blicke meiner Mitschüler entschädigten mich für allen Unbill. Über die Gründe meiner Schulabstinenz kann ich heute nicht mehr viel sagen. Es gab keinen greifbaren Anlass. Auf meiner Stirn stand jedenfalls auch noch nie „Opfer“ geschrieben. Ok, ein bisschen gestört war ich natürlich schon immer.

Während die „Essen ist Geil“-Fraktion immer neuen Genusserlebnissen nachspürt, hat sich im Alter mein Gaumen auf zwei Geschmacksrichtungen festgelegt: Alkohol und feste Nahrung. Damit lassen sich knirpsige Genusserinnerungen allerdings nur sehr unzulänglich beschreiben. Mein Schulweg war diesbezüglich geradezu paradiesisch. Die Schule schon in Sichtweite, mahnten ein Bäcker und ein Metzger eine letzte Einkehr an, und setzten dabei dem Bildungsangebot ein weitaus schmackhafteres Angebot entgegen. Der Nachteil lag auf der Hand, bzw. eben nicht. Obwohl es schon sehr lange her ist, gab es damals schon Geld (wirklich!), und das war in unseren Kinderhänden äußerst rar. Die Münzen, die nötig gewesen wären, um die Angebote nutzen zu können, lagen eben nicht in der offenen Hand, sie blieben eine seltene Ausnahme. Äußerlich sind heute die Gebäude kaum verändert. Die Schaufensterscheiben des Metzgers sind verklebt und der kleine Turmgiebel des Hauses ahmt noch immer die dahinterliegende Silhouette der katholischen Kirche nach. In der gegenüber liegenden Bäckerei lassen sich nun Leute Nägel designen, oder auch nicht. Als ich in späterer Vormittagsstunde dort vorbei spazierte, herrschte eine gähnende Leere. Ich füllte sie mit mir und einer Horde Gleichaltriger, sehe uns die drei, vier Stufen zur Glastür stürmen, um die wenigen Pfennige gewinnbringend anzulegen. Die Angebotspalette war schulkindgerecht ausgelegt. Also wenig für wenig Geld. Die Bäckersfrau war allgemein unbeliebt. Streng, und wenig aufgeschlossen gegenüber den Geldnöten von Knirpsen. An ein Lachen von ihr kann ich mich nicht erinnern, es war immer der gleiche genervte, aber gierige Blick, der mich und natürlich sämtliche vor der Theke stehenden Leidensgenossen traf. Jetzt kommt mir sogar wieder ihre alte Mutter in den Sinn, die täglich zur Pausenzeit im Schulhof stand, mit einem großen Korb an Backwaren und sonstigen Leckereien. Immer umringt von großen Trauben kleiner Stinker, die zehn Minuten vorher noch über die geologische Beschaffenheit Hessens informiert wurden und nun der Beschaffenheit von süßem Gebäck nachspüren wollten. Der Bäcker machte wohl seinen Schnitt. Die alte Bäckersfrau sehe ich in dunkler Kleidung, klein und gebückt und, mit Kinderaugen betrachtet, natürlich uralt. Der Korb, den sie mehrmals am Tag von der Bäckerei in den Schulhof schleppte, war mit zwei Deckeln versehen, die sich zur Mitte aufklappen ließen. So sagt es meine Erinnerung, aber über das tatsächliche Alter der Frau würde ich heute keine Prognose mehr abgeben. Eine Mauer umfriedete den Schulhof zu einer Straßenseite hin, die anderen Seiten wurden durch Gebäude und Nachbargrundstücke begrenzt. Abhauen war schwierig. Die wenigen Aus- und Eingänge wurden genauestens überwacht, vielleicht gab es sogar einen Schießbefehl, wer weiß das schon. Womöglich ist das ein bisschen übertrieben, aber die Schule war mitten im Stadtteil gelegen und ein Steinwurf entfernt rumpelten Straßenbahnen und Busse über das Kopfsteinpflaster. Es waren andere Zeiten, aber auch damals hatte man eine gewisse Aufsichtspflicht gegenüber den lieben Kleinen. Obwohl Eltern noch nicht die grundsätzliche Neigung verspürten, wegen eines eingerissenen Daumennagels des Sprösslings sich bis zum europäischen Gerichthof für Menschenrechte durchzuklagen. Natürlich gab es für uns kleine Hosenscheißer auch gute Gründe, während der Pause mal eben kurz verschwinden zu wollen. Das lerngeplagte Köpfchen verlangte nach dem ultimativen Zuckerschock, und den gab es, quer über die Straße, beim Werksverkauf der Backwarenfabrik Josef Wolf. Dort sind die Gold-Fischli erfunden worden, und dort konnte man für wenig Geld große Papiertüten voller Bruchware erstehen. Zum Beispiel Schaumwaffeln mit schwarzafrikanischem Migrationshintergrund, damals hießen die allerdings einfach Negerküsse.

 

Nachtrag: Erinnerung ist Lug und Trug. In einer Ecke des Schulhofes stand eine große Platane. Strategisch günstig neben einem Eingang, an dem es am einfachsten war, mal eben unentdeckt zu verschwinden. Leider war die Platane der Lebensmittelpunkt der älteren Schüler und Schülerinnen, die dort solche Dinge taten, wie Raufen, Rauchen, Knutschen und Pimpfe ärgern, die in ihre Nähe kamen. Die alte Platane steht immer noch in prächtiger Größe, nur nicht mehr dort, wo meine Kopfbilder sie hingestellt hatten. Sie wurde etliche Meter von ihrem alten Platz weggerückt. Wer macht denn so was?

 

Text und Abbildung: Dieter Motzel. 2016.

Wirtschaftsweg 1.0, Dreck und Speck ...

Hell leuchtet die Zukunft 4.0 zwischen den dunklen Wolken über den Wirtschaftswegen 1.0

 

Wirtschaftsweg 1.0, Dreck und Speck …

Vor einigen Tagen wurde eine Standortstudie zur Industrie 4.0 veröffentlicht. Langweilige Sache, könnte man meinen, besonders wenn man noch mitten in 2.0 oder älteren Versionen feststeckt. Ich bin aber sicher, dass in wenigen Jahren das allgemeine Interesse an 4.0 steigen wird, weil dieses Update der Industrie die Hälfte aller Arbeitsplätze in Deutschland bedroht. Als Darmstädter bin ich einigermaßen beruhigt, denn laut der eingangs erwähnten Standortstudie ist Darmstadt die zukunftsträchtigste Stadt in Deutschland und somit aller bestens für die Industrie 4.0 gerüstet. Bei aller gebotenen Bescheidenheit, das wusste ich natürlich längst und gedanklich bin ich schon bei 5.0, also an dem Punkt, an dem jemand den Stecker ziehen wird. Gut, Darmstadt mag hier ein leuchtendes Vorbild für die völlig unterentwickelten restlichen Städte in Deutschland sein, aber auch bei uns sind Schwächen unverkennbar. Eine kleine Reise ins Umland, das sich außerhalb der gut gesicherten Stadtmauern befindet, macht das deutlich. An einem nassen Novembertag besuchte ich einen Wirtschaftsweg 1.0, der sich als noch nicht kompatibel zu 4.0 erwies. (Klugscheißermodus für unsere jüngeren Leser, die bisher kaum die Möglichkeit hatten, ihre innerstädtischen Domizile einmal zu verlassen: Wirtschaftswege sind keine Wege die zu einer Wirtschaft führen, welche im herkömmlichen Sinne Weiber, Getränke, Speisen oder gar Gesang anbietet! Wirtschaftswege dienen in erster Linie der Bewirtschaftung land- und forstwirtschaftlicher Nutzflächen! Gewöhnlich ist die Nutzung auch Personen gestattet, die weder Land- noch Forstwirt sind! Aber Obacht, junge Stadtbewohner, nicht unter schweres Gerät geraten!)

Ich persönlich mag Wirtschaftswege. Sie sind meist kerzengerade und übersichtlich, und die Zukunft 4.0 erscheint noch nicht einmal am Horizont; dafür taucht dort der Hund wieder auf, nachdem ich ihm Beine gemacht hatte und er eine Weile verschwunden war. Hier ist man gewöhnlich vollauf mit der Gegenwart beschäftigt. Auf den umliegenden Ackerflächen ist junges Gemüse kaum zu bändigen, freudig erregt springt es Spaziergänger an und versucht mit aller Macht in offene Taschen zu kriechen. Hier mag die Zukunft noch weit weg sein, aber jeder, der einen Wirtschaftsweg 1.0 im November betritt, wird beim Verlassen dieses Weges nicht mehr Derselbe sein, der ihn betreten hat. Jedenfalls unterhalb der Knie.

Ein klassischer Wirtschaftsweg 1.0. Es ist noch ein weiter Weg in die Zukunft. Der Landwirt weiß, weshalb er zur Fortbewegung Traktoren benutzt.

Der zaghafte Versuch einer Vernetzung zeigt den Willen zur Veränderung. Auch der Wirtschaftsweg 1.0 entwickelt sich weiter.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel. November 2015.

Stille Orte

Stille Orte

Als gemusterte Tapeten ebenso zum Alltag gehörten wie das fehlende Fernsehgerät, wurde der sonntägliche Tatort in manchem Kinderzimmer aufgeführt. Im späten Licht des Tages begann die Tapete ein Eigenleben zu entwickeln. Kurz vor dem Einschlafen wurden Monster geboren. Plötzlich erschienen sie so deutlich sichtbar im Geflecht der Linien und Formen an der Wand, dass sie nicht mehr zu ignorieren waren, wenn sie aus ihren Verstecken hervorkamen. Das kindliche Auge suchte und fand unablässig weitere Figuren, und es brachte seinen phantasiebegabten Geist manchmal um einen ruhigen Schlaf. Während im abendlichen Dämmerlicht die gruseligen Monster aus der Wand krochen, benahmen sich die Figuren tagsüber sittsam und dienten eher der Belustigung an einem langweiligen und nichtsnutzigen Tag. Gemeinsam hatten sie die Eigenschaft, nur für das Kind sichtbar zu sein.

Vexierbilder nennt man die gezeichnete oder gemalte Version, in denen bewusst im Bild mehr oder weniger kunstvoll weitere Bilder eingearbeitet sind. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm steht darüber: „Bild mit einem in der Zeichnung verborgenen Betrug, Scherz“. Mit dem Auge lässt sich gut scherzen, und es ist ein Leichtes, unsere Wahrnehmung zu betrügen. Legionen von optischen Täuschungen geben darüber Aufschluss.

Allerdings gibt es auch wunderbare und fantasievolle Spiele mit unserer optischen Wahrnehmung. Am Wolkenhimmel, wenn wir in den aufgetürmten Wattebäuschen plötzlich ein Pferd erkennen, das über den Himmel galoppiert oder ein Gesicht, weil wir immer auch uns selbst dort finden wollen. Ideal für dieses Such- und Finde-Spiel sind natürlich auch die filigranen Maserungen eines Stück Holzes, in dem sich immer etwas versteckt, das erkannt werden will.

Meine letzten Entdeckungen dieser Art, machte ich an einem Ort der kontemplativen Ruhe. Ein Stilles Örtchen, dessen Boden mit unscheinbaren grauverschlierten Fliesen bedeckt war. Der Boden lud geradezu ein, das Auge auf eine Entdeckungsreise zu schicken, und aus jeder einzelnen Fliese entstanden unzählige Möglichkeiten der Betrachtung. Nicht schlecht, wenn man trotz dringender Geschäfte die Ruhe zur Meditation findet.

 

Statt Comix ein Clomix:

Die obere Bildhälfte zeigt jeweils den Originalbodenbelag.

Text und Abbildungen: Dieter Motzel. 2013

Galgenvögel

"Pfungstädter Galgen"

Galgenvögel

Es ist nicht der idealste Ort, zur Geisterstunde den Seelen der Gehenkten nachzuspüren. Der Grusel und die schaurigen Gedanken kommen nicht von alleine, man muss sie schon denken wollen und sich dabei alle Mühe geben, denn selbst in der Nacht ist die Szenerie taghell beleuchtet. Der historische Richtplatz liegt direkt neben einer vielbefahrenen Kreuzung, mit allem, was eine Kreuzung zu bieten hat: 24-Stunden-Tanke, Fastfood-Restaurant, und ein großer Einkaufsmarkt darf auch nicht fehlen.

Während der beginnende Herbst sein regnerisches Gesicht zeigt, ich glaube, er grinst sogar dabei, stehe ich vor einem Galgen und versuche mir vorzustellen, wie ein Gerichtstreiben vor einigen hundert Jahren ausgesehen hat. So recht will es nicht gelingen, was sicherlich auch daran liegt, dass gerade ein schwerer Lastzug, etwa 10 Meter entfernt, vor einer roten Ampel ein bisschen holprig zum Stehen kommt. Womöglich bin ich auch durch den Geruch der Kläranlage benebelt, die sich 100 Meter hinter meinem Rücken befindet. Der Ort liegt genau im zusammengewachsenen Grenzgebiet zwischen dem südlichsten Darmstädter Stadtteil Eberstadt und der Gemeinde Pfungstadt, auf deren Gebiet sich der Galgen befindet.

Auf einer kleinen und unscheinbaren Bodenerhebung ragen drei steinerne Säulen in den Himmel, die einmal mit Holzbalken, natürlich aus bestem Eichenholz aus den Wäldern der Umgebung, verbunden waren.

Das heutige Bauwerk wurde 1603 errichtet und ersetzte einen hölzernen Galgen. Seit dem 14. Jahrhundert traf sich an dieser Stelle die Gerichtsbarkeit einer wechselnden Herrschaft. Jedem einzelnen Gerichtsbezirk, der mehrere Gemeinden umfasste, stand ein Zentgericht vor. Der Ort dieses Zentgerichts war weithin sichtbar, denn schließlich sollte er auch als Demonstration der Macht und der Abschreckung wahrgenommen werden. Wenn das Gericht an dieser Stelle tagte, ging es nicht nur um die Verurteilung von Verbrechen, es wurden auch allgemeine Vorgänge der Ordnung und Verwaltung umgesetzt. Wobei sicherlich zu vermuten ist, dass zumindest an den Gerichtstagen die am Galgen aufgeknüpften armen Sünder abgehängt wurden. Jedenfalls die Teile, die von ihnen übrig waren. Es war zu dieser Zeit durchaus üblich, sie länger baumeln zu lassen. Ein wenig Abschreckung für’s darbende Volk konnte nicht schaden. Raben und Krähen freuten sich über den reich gedeckten Tisch. Unsere Bezeichnung „Galgenvögel“ stammt noch aus jener Zeit, in der diese Aasfresser sich an den Leichen der Hingerichteten bedienen durften. Die Abneigung, die viele gegenüber diesen schlauen Vögeln hegen, ist sicher auch der damaligen Zeit geschuldet und hat sich wohl so in unser kollektives Gedächtnis geschlichen, bevor es bei Wikipedia ausgelagert wurde.

Namentlich ist keine Hinrichtung am „Pfungstädter Galgen“ überliefert, obwohl davon auszugehen ist, dass der Galgen auch benutzt wurde. Sicher ist hingegen, dass irgendwo am Galgenhügel die Leiche von Johann Tobias Kiefer, genannt Katzof, in der ungeweihten Erde verscharrt wurde. (Katzof ist ein Wort mit jüdisch-deutschen Sprachwurzeln und bedeutet „Metzger“. Sicher ein sehr vielversprechender Name für eine Verbrecherkarriere. Angeblich ist in einigen Gegenden des Ruhrpotts dieses Wort noch gebräuchlich).

An einem Tag im April des Jahres 1780, (ich gehe einfach mal aus dramaturgischen Gründen davon aus, dass es ein düsterer Tag war), machte sich Kiefer mit einigen Kumpanen auf den Weg, um den kaiserlichen Postwagen, der damals die Strecke von Heppenheim nach Darmstadt befuhr, zu überfallen. Aus der Armut und der Not heraus geboren, waren in diesen Tagen viele Räuberbanden unterwegs, die Straßen und Wege unsicher machten. Hier will ich nicht in eine Robin-Hood-Sozialromantik  verfallen, denn die Brutalität jener Zeit war beiden Seiten zu eigen, den Räubern ebenso wie der Obrigkeit. Der Überfall auf die Postkutsche ging gründlich schief, denn der wackere Kutscher wehrte sich mit allem, was ihm zur Verfügung stand. Kiefer konnte fliehen, aber zwei seiner Kumpane, Gundermann und Gansert, wurden erwischt. Vielleicht war der Weg zum wenige Kilometer vom Tatort entfernten Pfungstädter Galgen einigen zu weit, denn die beiden wurden an Ort und Stelle aufgehängt … und sollten auch dort hängen bleiben, bis sie von alleine herunterfielen. Angeblich hingen sie dann doch nicht so lange. Über Nacht wurden sie gestohlen und von wohlwollenden Seelen irgendwo verscharrt oder von nicht so wohlwollenden Seelen verkauft. Der entflohene Kiefer wurde nach einem weiteren Überfall, den er verübt hatte, geschnappt und der zuständigen Gerichtsbarkeit überführt. Ins Darmstädter Gefängnis („Stockhaus“) geworfen, starb er an einer Blutvergiftung. Das klingt erstmal wenig spektakulär. Allerdings wurde die Blutvergiftung durch Läusefraß hervorgerufen. Der arme Kerl war vom Ungeziefer dermaßen geplagt, dass er sich nicht mehr rühren konnte. Die Läuse hatten sogar ein Auge ausgefressen. Sein Leichnam wurde dann auf dem Schinderkarren zum Galgen gefahren, und an diesem idyllischen Ort vergraben, der vermutlich schon viel Übles gesehen hat.

Und noch immer viel Übles sieht, wenn ich bedenke, dass auch an dieser Stelle zur Halloween-Zeit Shuttle-Busse starten. Beladen mit Kevins aus aller Welt, die auf die nahegelegene Burg Frankenstein gefahren werden, damit sie sich dort gegen Barzahlung tüchtig begruseln lassen können.

Text und Abbildung: Dieter Motzel. Oktober 2013.

Schach auf Kleinfeld 1

Turm, Läufer und Springer schleichen sich auf dem indischen Subkontinent an eine gegnerische Dame heran.

 

Schach auf Kleinfeld, Teil 1

Ruhetag. Endlich ein kurzes Durchatmen, jedenfalls soweit es die schwüle Hitze zulässt, die ich überhaupt nicht mag. Mittlerweile habe ich jenen Grad der Erschöpfung erreicht, diesen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt und an dem man nur das Ende herbeisehnt. Auch für austrainierte Zuschauer wie mich, die schon mal in der Lage sind, ein paar Stunden regungslos abzuhängen, sind sportliche Großereignisse eine riesige Herausforderung, was viel zu schnell vergessen wird beim Anblick schwitzender Spieler, die bis zum Äußersten gehen. Gerade auch, wenn es sich um DAS Sportereignis des Jahres handelt. Kein Wunder also, wenn sich hier alle Medien mit ihrer Berichterstattung gegenseitig überbieten wollen. Kein Tag vergeht, ohne ausgiebige Sondersendung zur besten Sendezeit im Fernsehen, die nachfolgenden Sendungen verschieben sich entsprechend in nachtschlafende Zeit, die zahlreichen Experten wollen ausführlich zu Wort kommen. Müssen ausführlich zu Wort kommen, denn eine gewissenhaft Analyse erfordert eben ihre Zeit und kann nicht in einem Nebensatz abgetan werden. Sämtliche nennenswerte Tageszeitungen fordern ihre verbliebene Leserschaft auf, sich erst durch mehrseitige Sonder-Beilagen zu lesen, bis sie zu den wichtigen politischen Themen, wie der quasibeschlossenen Frauenquote bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin kommen dürfen. Und all das aus gutem Grund, denn die diesjährige Schachweltmeisterschaft findet nur einmal statt, in einem begrenzten Zeitfenster, während Koalitionsverhandlungen das ganze Jahr über ein gerne praktiziertes Modell sind, um Teile der Bevölkerung in einen gelangweilten Dämmerzustand zu versetzen.

Der Blick der Weltöffentlichkeit richtet sich auf Indien (Für die Sensationsheischenden: Nein, keine Gruppenvergewaltigung und auch keine Feuerbestattung der noch lebenden Ehefrau. Noch nicht mal abgeschlachtete „heilige“ Rinder aus den Straßen von Kalkutta, aus deren Häuten in unserer Discount-Schneiderei „Bangladesch“ von zarten Kinderhänden billig Lederschuhe zusammengenagelt werden!). Wird der smarte einheimische Titelverteidiger seinem Herausforderer, einem „Wunderkind“ mit dem Charisma eines Eislochanglers, der im norwegischen Winter vergeblich auf anbeißende Fische wartet, widerstehen können? Nein, wird er nicht. Noch ist das Turnier nicht beendet, aber eigentlich ist das Ding gelaufen. Der Norweger wird ziemlich sicher gewinnen und darf sich nach Abschluss der Großveranstaltung Schachweltmeister 2013 nennen. Die Details werde ich mir hier ersparen, denn keiner konnte der medialen Berichterstattung entgehen, ob er nun wollte oder nicht.

Hier zeige ich die entscheidende 6. Partie, die zu einem Zwei-Punkte-Vorsprung des Norwegers führte (und das ist nicht mehr aufzuholen, sag ich einfach mal so):

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.d3 Lc5 5.c3 O-O 6.O-O Te8 7.Te1 a6 8.La4 b5 9.Lb3 d6 10.Lg5 Le6 11.Sbd2 h6 12.Lh4 Lxb3 13.axb3 Sb8 14.h3 Sbd7 15.Sh2 De7 16.Sdf1 Lb6 17.Se3 De6 18.b4 a5 19.bxa5 Lxa5 20.Shg4 Lb6 21.Lxf6 Sxf6 22.Sxf6 Dxf6 23.Dg4 Lxe3 24.fxe3 De7 25.Tf1 c5 26.Kh2 c4 27.d4 Txa1 28.Txa1 Db7 29.Td1 Dc6 30.Df5 exd4 31.Txd4 Te5 32.Df3 Dc7 33.Kh1 De7 34.Dg4 Kh7 35.Df4 g6 36.Kh2 Kg7 37.Df3 Te6 38.Dg3 Txe4 39.Dxd6 Txe3 40.Dxe7 Txe7 41.Td5 Tb7 42.Td6 f6 43.h4 Kf7 44.h5 gxh5 45.Td5 Kg6 46.Kg3 Tb6 47.Tc5 f5 48.Kh4 Te6 49.Txb5 Te4+ 50.Kh3 Kg5 51.Tb8 h4 52.Tg8+ Kh5 53.Tf8 Tf4 54.Tc8 Tg4 55.Tf8 Tg3+ 56.Kh2 Kg5 57.Tg8+ Kf4 58.Tc8 Ke3 59.Txc4 f4 60.Ta4 h3 61.gxh3 Tg6 62.c4 f3 63.Ta3+ Ke2 64.b4 f2 65.Ta2+ Kf3 66.Ta3+ Kf4 67.Ta8 Tg1

So einfach kann das manchmal sein. Da wir hier ganz unter uns sind, kann ich auch offen gestehen: Das Turnier war bisher stinklangweilig! Spektakel? Fehlanzeige, noch nicht mal kleine Schlägereien am Rande vom Spielfeld.

Gut, solche Auseinandersetzungen mit ausländischen Schachhooligans will man Indien auch nicht wünschen. Die haben genug Probleme, auch mit uns Dödel aus der westlichen Welt. Der ganze indische Subkontinent ist ja seit den 60er Jahren für westliche Sinnsucher ein spiritueller Selbstbedienungsbasar, in dem man ausgiebig shoppen gehen kann.  Politik und Wirtschaft wollten auch mal shoppen gehen, und zur Jahrtausendwende wurde hier eine unsägliche Diskussion entfacht, die in dem dämlichen Rüttgers Spruch: „Kinder statt Inder“ mündete. Vorausgegangen war die Idee, in die langsam aussterbende Bundesrepublik einige Fachinder zu importieren, die hier flugs an IT-Lösungen rumprogrammieren sollten. Wenn ich mich recht erinnere, dreht sich die Debatte in erster Linie um die Frage, was man mit diesen Indern anstellen sollte, wenn die ihre Arbeit beendet hätten, oder ihre Familien nachholen wollten. Die gut ausgebildeten Fachinder bekamen dieses Geplärre vermutlich gar nicht mit, denn die dachten nicht einmal im Traum daran, sich nach Deutschland exportieren zu lassen, höchstens, um mal die Cebit zu besuchen. Ansonsten machten sie das, was Gutausgebildete in strukturschwachen Gebieten immer tun. Sie packten ihre Koffer und gingen in die USA, nach Kanada oder Großbritannien … dort waren sie willkommen, ohne dass die Bürger dieser Staaten genötigt wurden, die eigene Kinderpopulation zu erhöhen, um die Inder wieder loszuwerden. Immerhin trug die damalige Diskussion auch hierzulande Früchte, und die Zahl der angesiedelten Störche hat seit dem Jahr 2000 stetig zugenommen.

Indien ist ein riesiges Land, man kann sich leicht verlaufen. Ich bin auch ein wenig vom Weg abgekommen und begebe mich nun direkt zurück. Es geht immer noch um Schach. Mindestens jeder Zweite wird sofort bemerkt haben, dass die oben gezeigte 6. Partie dieser Weltmeisterschaft mit einer „spanischen Eröffnung“ begann. In der nachfolgenden Abbildung wird die klassische spanische Eröffnung  visuell verdeutlicht, also für jene, die nicht zu den Zweiten gehören.

Die klassische spanische Eröffnung im Schach: Cassillas auf Piqué, Piqué auf Xavi, Xavi auf Iniesta.

 

Text und Abbildungen: Dieter Motzel. 2013.

Schach auf Kleinfeld 2

Schach auf Kleinfeld: Im Bild sehen wir zwei Läufer, die sich, im Schatten des gegnerischen Turms, in ihren Angriffsbemühungen festgefahren haben.

 

Schach auf Kleinfeld, Teil 2

Als fette Chips knabbernder stiller Beobachter der diesjährigen Schachweltmeisterschaft in Indien, hatte ich mich nach der sechsten Partie zu dieser gar nicht gewagten Prognose hinreißen lassen, dass der künftige Weltmeister aus Norwegen kommt. In der achten Partie hat nun der indische Titelverteidiger völlig unerwartet schlapp gemacht und damit so ziemlich alle Chancen verspielt, seinen Titel zu behalten. Aus den verbleibenden drei Spielen braucht das herausfordernde norwegische Wunderkind nur noch einen halben Punkt, sprich ein einziges Remis, um sich Weltmeister nennen zu dürfen, und das ist locker zu schaffen, wenn man auf Sicherheit bedacht ist und entsprechend spielt (Aktuell kam die Meldung, dass er es geschafft hat!). Spannender wäre es sicher geworden, wenn, wie es in anderen Sportarten längst üblich ist, Haltungsnoten vergeben würden. Der Titelverteidiger sah selbst beim Verlieren einfach besser aus, wie aus dem Stil-Guide gepellt. Der Ausstatter-Sponsor vom Herausforderer schien dagegen immer ein wenig überfordert zu sein. Irgendwie machte der Norweger Magnus Carlsen den Eindruck, als würde er dort in seinem Konfirmations-Anzug sitzen, aus dem er längst herausgewachsen ist.

Viswanathan Anand, dem Tiger von Madras (So wird er genannt. Madras hieß in früheren Zeiten auch der südindische  Austragungsort der Weltmeisterschaft. Chennai heißt er heute. Mit diesen, überwiegend in den 90er Jahren stattgefundenen Namensänderungen indischer Städte wollte man auch ein wenig die letzten Reste englischer Kolonialherrschaft abschütteln. So wurde z. B. aus Bombay die Stadt Mumbai. Hierzulande muss man ja auch nach Chemnitz reisen, wenn man Karl-Marx-Stadt besuchen möchte.), wurden die Krallen geschnitten. Die Frage, wie konnte das passieren, stellt sich hier natürlich keiner, und deshalb werde ich versuchen, sie dennoch ausführlich zu beantworten.

Mir lag die Lösung glasklar vor Augen, als ich mich an ein Gespräch erinnerte, das ein deutscher Journalist mit einer jungen indischen Akademikerin führte. Als der Journalist das Wort „Freizeitgestaltung“ ins Gespräch einbrachte, wurde das vom Gegenüber ungläubig verwundert zur Kenntnis genommen, weil es in der indischen Gesellschaft dafür keinen adäquaten Begriff gibt. Der Deutsche setzte noch einen drauf und gab zum Besten, dass es sogar „Freizeitgestaltungsberater“ gäbe. Die junge indische Frau amüsierte sich darüber so köstlich, als hätte man ihr gerade einen grandiosen Witz erzählt. Hat der Inder Viswanathan Anand einfach keinen „Freizeitgestaltungsberater“ an seiner Seite stehen, während der Norweger Magnus Carlsen, als Europäer bestens vertraut mit der komplizierten Tätigkeit der Freizeitgestaltung, hieraus einen nicht einzuholenden Vorteil schöpft? Ich denke, das ist so!  Während Anand an den Ruhetagen des anstrengenden Turniers depressiv und zerknittert im Hotelzimmer herumsitzt und gar nicht weiß, wie ihm geschieht, klatscht sich Carlsen mit seinem Freizeitgestaltungsberater ab, der ihm längst ein ausgefeiltes Freizeitgestaltungsprogramm zusammen gestellt hat, mit dem er Ruhe und Kraft für kommende Aufgaben, sprich Spiele, finden kann.

Wenn man weiß, dass einer der bekanntesten Freizeitgestaltungsberater ein Inder war, kann einem dieser Umstand schon merkwürdig vorkommen. Cadra Mohan Jain, einigen vielleicht besser bekannt als Bhagwan Shree Rajneesh, war zumindest in den 70er Jahren eine große Nummer im Bereich der Freizeitgestaltungsberater. Kurz vor seinem Tod nannte er sich Osho, und unter diesem Namen werden noch heute seine Bücher verkauft, etwa „Vom Sex zum kosmischen Bewusstsein“. Angeblich gibt es Leute, die das auch lesen. Da ich nicht dazu gehöre, bin ich auf der ersten Stufe stehen geblieben, also noch nicht beim kosmischen Bewusstsein angelangt …

Der Bhagwan residierte im indischen Poona (Heute heißt die Stadt Pune) und die willigen aus aller Welt kamen in sein Therapie- und Meditationszentrum gereist, nannten sich fortan „Sannyasins“ und hüllten sich in orangerote Gewänder. In den 70er Jahren, war es sehr einfach mit verklärtem Gesicht zum Bhagwan nach Indien zu reisen. Man schlenderte als Sinnsucher während seiner Freizeitgestaltung durch die Fußgängerzone einer beliebigen westdeutschen Großstadt und wartete darauf, dass sich eine Horde orangerot gekleideter Wichtel-Männer und -Frauen aus der örtlichen Bhagwanserei, die dicke Holzketten um den Hals trugen, versehen mit dem Abbild ihres Heilsbringers, an die Fersen heftete. Nachdem man lange genug von ihnen betrommelt wurde, bekam man eine Kassette in die Hand gedrückt. Dann saß man mehrere Tage und Nächte vor dem heimischen Kassettenrekorder (Was ein Kassettenrekorder ist, erkläre ich ein anderes mal.) und hörte sich die gesammelten Reden des ehemaligen Philosophieprofessors aus Indien an. Dann heulte man ein paar Tage und Nächte, tief berührt von Erkenntnisgewinn und heiliger Glückseligkeit. Wenn die Tränen getrocknet waren, teilte man in der Regel seinem Umfeld mit, dass man von nun an nicht mehr Helga heiße, sondern Ma Prem Visruna und nach Indien reisen würde. Die Weisheit des Bhagwans äußerte sich in erster Linie in dem therapeutischen Ansatz: Alles was du wirklich willst, ist poppen. Für diese Erkenntnis hätte man nun nicht extra nach Indien reisen müssen.

Den Höhepunkt des Erkenntnisgewinns erreichten die Jünger des Bhagwans in den 80er Jahren. Mittlerweile war man von Indien auf eine Ranch in Oregon/USA umgezogen. Das Meditationszentrum hatte sich in ein gepflegtes faschistoides Arbeitslager verwandelt, in dem die Jünger ihrem Erleuchteten einmal am Tag zuwinken durften, wenn er in seinem Rolls-Royce sitzend (Der Bhagwan besaß 93 Stück von diesen preisgünstigen englischen Automobilen) an ihnen vorbei bretterte und dabei ziemlich viel Staub aufwirbelte.  Mit den Geschichten aus Oregon könnte man einige ziemlich gute Kriminalromane füllen, oder einen Tatsachenroman über die Entstehung eines totalitären Staates innerhalb eines anderen Staates.

Das Fazit für unsere Kleinen: Traut keinem „Erleuchteten“, wenn ihr nicht rechtzeitig den Stecker ziehen könnt!

Gut, kommen wir nun zu einem ganz anderen Thema. Die Monty Python Truppe will wieder gemeinsam auftreten, also zumindest die fünf Hinterbliebenen von Graham Chapman. Man darf gespannt sein, wer den schwarzen Ritter spielt, oder den toten Papagei.

Da jeder Zweite sich ein wenig mit Schach auskennt, wird auch jeder Zweite bemerkt haben, dass ich mit meiner Erklärung zur „spanischen Eröffnung“ im ersten Teil sehr weit vorgegriffen habe, ohne vorher genügend auf Grundlagen einzugehen. Deshalb zeige ich nun in der obigen Abbildung einen klassischen Spielfeldaufbau, der zum besseren Verständnis des Spiels beitragen kann. Schach auf Kleinfeld lässt sich auch mit einem einfachen Vergleich logisch erklären: Schach wird auf einem Dame-Brett gespielt, mit dem Unterschied, dass die beiden Spieler schon vor Spielbeginn eine fertige Dame bekommen, die sie dann während des Spiels manchmal tauschen. Wenn einem der Spieler diese eine Dame nicht ausreicht, kann er einen Bauer gegen eine weitere Dame umtauschen. Ja, das ist in etwa das Prinzip.

 

Text und Abbildungen: Dieter Motzel. 2013.

Boxen

"Modau in Darmstadt-Eberstadt"

Boxen

Wer in den 60er Jahren aufgewachsen ist, wird sie schon einmal gesehen haben. An strategisch gewichtigen Punkten des Wirtschaftswunderlandes Deutschland war sie zu finden. In Gaststätten zum Beispiel, oder an beliebten Ausflugszielen, an denen Kinder beschäftigt werden mussten, wenn die Wurst oder das Jäger-Schnitzel vertilgt, und noch nicht einmal ein läppischer Vorgänger des Game-Boys erfunden war. Meine stand an einem regionalen Ausflugsziel mit beigeordneter Verpflegungsstätte. Kürzlich entdeckte ich zufällig eine eBay-Versteigerung, bei der diese Kindheitserinnerung für schlappe 12.000 Dollar zu haben war. Nach einem kurzen Blick in die Portokasse entschied ich, dass mir dieses Angebot nicht zusagte. Die meisten werden schon richtig vermutet haben, es geht um die Bimbo-Box.

In jenen Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs war es durchaus nicht unüblich, mangels Alternativen per Pedes unterwegs zu sein. Glücklich jene Kinder und Jugendliche, die ausreichend Abwechslung in Schlagdistanz hatten, ohne von den Eltern berucksackt, auf etlichen erwanderten Kilometern die Schönheit der Natur ausgetrieben bekamen. Ein angenehmer Ort, um Sonntage zu verbringen, war nur jener, der in überschaubarer 2-4-Kilometer-Distanz lag. Mit dem Fahrrad unterwegs, durften es auch schon mal 3 Kilometer mehr sein. Um beispielsweise das sonntägliche Kino zu erreichen, war mit einer Wegstrecke von unter einem Kilometer zu rechnen. Insgesamt vorteilhaft und deshalb auch gerne genutzt. Es war ein Vorstadtkino jener Sorte, die man heute vergeblich sucht. Jedenfalls alles gute Gründe, um die Cowboy- und Indianerspiele in dieser fernseharmen Zeit für zwei Stunden ruhen, und sich stattdessen den neusten Karl-May-Film auf der Leinwand anrichten zu lassen. Die Kinder des Kinobesitzers waren begehrte Freundesobjekte, die schon mal einen Logenplatz sicherten, von dem aus die tönende Wochenschau aus privilegierter Position konsumiert werden konnte.

Am östlichen Rand des Stadtteils wirft der Rheingraben die ersten Wellen auf, die sanft ansteigend, langsam zu den Hügeln des Odenwaldes werden. Eine lange gerade Straße führt Stadtteil auswärts nach Osten. Erst säumten noch Häuser die Straße, dann ein Schwimmbad, Streuobstwiesen in Hanglage, bevor ein grünes Tal begann und die Straße anfing, wilde Bogen zu schlagen, um den Felsen auszuweichen, die nun das Bild bestimmten. Parallel zur Straße plätscherte ein Bach in Richtung Rhein. Heute schwimmen darin wieder Bachforellen, aber in den 60er Jahren schwamm darin nur Dreck, den die Kehrseite des Wirtschaftswunders mit sich führte. Da wir zu jener Zeit Apachen, also edle Wilde, waren, und uns längst nicht mehr aus dem Flüsschen ernährten, war dieser Umstand für uns ohne Belang. Der Dreck floss unterhalb, wenn wir in diesem Tal ankamen und unsere Pferde vor einer Gaststätte parkten, die sich an einen Hang gebaut hatte. Daneben war ein Steinbruch zu finden, wahrscheinlich guter Odenwälder-Granit, an dem man sich die Zähne ausbeißen konnte. Wir saßen in der Gartenwirtschaft vor hochaufragenden blanken Steinwänden und nuckelten an einer Bluna-Flasche. Dabei schauten wir den Ziegen und Steinböcken zu, die in den Felsen turnten. Hinter uns fletschten ein paar Löwen ihre Zähne, vielleicht gingen ihnen die südamerikanischen Tanzrhythmen auf die Nerven. Allerlei Zeugs kreuchte und fleuchte durch die Anlage, und bei einer genaueren Aufzählung versagt mein Gedächtnis. Der Gaststättenbesitzer hatte in dem alten Steinbruch ein privates Tiergehege errichtet.

Das allerphantastischste war dort aber die Bimbo-Box. Einwurf 10 Pfennig und schon legte die siebenköpfige Affenkapelle mit ihren roten Mützen los. Eine mechanische Nockensteuerung sorgte dafür, dass sich die Affen immer zum Klang der Musik bewegten. Die musikmachende Affenkapelle der Bimbo-Box wurde ab 1950 hergestellt. 15 Millionen Stück wurden produziert. Und heute, welch eine Tragik, gibt es keine 10 Pfennig-Stücke mehr.

Text und Abbildung: Dieter Motzel. 2012.

Züricher Nebel

Züricher Nebel

Die Hitze ist unerträglich. Sie krallte sich fest in dem kleinen Zimmer, drückte ihre Verwerfungen mit aller Kraft nach unten, um noch schwerer, noch belastender zu werden, als sie ohnehin schon war. Ja es erschien sogar, als ob die Zimmerdecke sich unaufhörlich in Richtung des Holzfußbodens schob, den kleinen Raum noch kleiner machend, die Schwere der Luft noch greifbarer. Der junge Mann, der mit tiefliegenden Augen an die Decke blickte, voller Angst, sie bewege sich auf ihn zu, spürte nichts von der Kälte des Februartages, der auf den Fenstern die Eisblumen zur üppigen Blüte trieb. Fieberschübe hielten ihn mit einer festen Hand umschlossen. Schweißnass verklebten blonde Locken sein Gesicht. Ein dicker zäher Schleim erschwerte sein Atmen. Es stank erbärmlich nach Blut, Fäulnis, Ammoniak und nach dem Tod. Der Arzt, der ihn an diesem Morgen aufsuchte, war überrascht, ihn noch lebend vorzufinden.

Wenn abends die Unruhe ins Zimmer tritt, hilft die Opiumtinktur ein wenig, die Ränder des Deliriums am Ausufern zu hindern. Die kolikartigen Krämpfe des Darms sind einer Apathie gewichen, die den Körper vom Kopf entfernt. Fieber bevölkert sein Bett. Das Licht einer Kerze wirft Schatten an die Wand und zuckt erschrocken davor zurück. Figuren stehen im Halbdunkel vor ihm, sitzen plötzlich auf seinem Bett. Es ist sein Kopf, der wild um sich schlägt, für einen Moment alle vertreibt, bevor sie sich im flackernden Kerzenschatten wieder zu ihm setzen. Ihn halten, drücken, umklammern, nicht loslassen wollend. Seine Kinder, erwachsen geworden und solche, die noch geboren werden wollen. Aretino schiebt sich in den Vordergrund, Woyzeck will noch einmal Aufmerksamkeit. Ein mächtiger Schatten drängt sich dazwischen, greift nach ihm mit Kettengerassel. Er hangelt sich an einem Nervenstrang bis in den Kopf der Barbe vor. Dort ist es ruhig und dunkel. Er sieht die leuchtenden Schneefelder in den Vogesen, er sieht Straßburg, sehnt sich seine Familie, seine Heimat und will an die Arbeit. Es gibt noch so viel zu tun.

„Er ist sanft eingeschlummert, ich habe ihm die Augen zu geküßt“, schreibt seine Braut Minna Jaeglé.

Am 29. Februar 1837 starb der 23 Jahre alte Georg Büchner in Zürich an den Folgen einer Typhuserkrankung. In Zürich grassierte seit 1835 eine Typhusepidemie, die zwei Jahre später wieder abklang. Es war ein Sonntag, ein heller blauer Tag.

1836 reiste Georg Büchner von seinem Zufluchtsort Straßburg ins endgültige Exil nach Zürich. Mit einer Abhandlung über das Nervensystem der Barben hat er, an der damals noch jungen Universität Zürich, zum Dr. phil. promoviert. Als Privatdozent wird er in die Fakultät aufgenommen. Ganze fünf Hörer hatten sich bei ihm eingeschrieben, von denen er meist nun einen bei seinen Vorlesungen zu Gesicht bekam.

Als der Totenschein ausgestellt war, strich die deutsche Obrigkeit das „flüchtige Individuum“ Georg Büchner aus ihrer Fahndungsliste. Die Abwehr revolutionärer Umtriebe hat bei uns Tradition. 80 Jahre später wohnte übrigens ein weiterer Revolutionär im Züricher Exil. In derselben Straße und nur durch eine Hauswand vom letzten Domizil Büchners getrennt. Lenin wartete dort auf den Beginn der Revolution.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel. Mai 2012.

Wutbürger

Wutbürger

In der Regel genügt ein Blick in die Nachrichten des Tages, um zu verstehen, warum „Wutbürger“ zum Wort des Jahres 2010 gewählt wurde. Wobei jene Dinge viel wütender machen, die in der Pressemeldung nicht erwähnt wurden, aber in einem kausalen Zusammenhang mit der erwähnten Nachricht stehen. Wut als Ausdruck der Ohnmacht ist ja nun nicht wirklich neu. Das gab es zu allen Zeiten. Einer der die Wut seiner Zeit zu artikulieren wusste, war Georg Büchner, der Schriftsteller und (na ja, ein bisschen) Naturwissenschaftler. Mit seiner sozialrevolutionären Schrift „Der Hessische Landbote“, trat er der Obrigkeit auf die Füße. Solcherart Kritik wussten die Regierenden damals ebenso wenig zu schätzen, wie heute. Studentische Proteste waren verbreitet und die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten. Wegen der Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen wurde die Justiz aktiv und viele aus diesem aufrührerischen Umfeld vernommen, inhaftiert und zum Teil zu langjährigen Kerkerstrafen verurteilt. Die ersten hessischen Wutbürger hatten es sicher nicht leicht.

Dass Büchner sich dem Gericht entziehen konnte und ihm die Flucht gelang, verdankte er auch seinem Bruder Wilhelm. Um seinem Bruder Georg Zeit zu verschaffen, erschien Wilhelm an Stelle von Georg zu einer Anhörung vor Gericht. Für sich alleine genommen, ist das schon eine wunderbare Geschichte, die noch zu schreiben oder zu zeichnen wäre. Nachdem sich Georg Büchner der Gerichtsbarkeit des Hessischen Großherzogtums durch Flucht entzogen hatte, wurde er per Steckbrief, datiert auf den 13. Juni 1835, gesucht. Büchners Flucht verlief wenig spektakulär, denn es gab wohl gut organisierte Flüchtlingstransportwege, auf denen die studentischen Revolutionäre nach Straßburg geschleust wurden, wo sie vor der heimischen Obrigkeit in Sicherheit waren. Frankreich hatte bekanntermaßen mehr Verständnis für Revolutionen. In einem Brief an seine Familie schrieb Georg Büchner, dass die Reise schnell und bequem vor sich ging. Er irrte allerdings, als er im gleichen Brief schrieb, dass er überzeugt sei, dass seiner Rückkehr in 2-3 Jahren nichts mehr im Wege stünde. Er sollte nie mehr zurückkehren und nur zwei Jahre später in Zürich sterben. Natürlich ist das alles eine sehr verkürzte Version komplexer Zusammenhänge, die damals im 19. Jahrhundert, nicht unähnlich zu heutigen Zeiten waren. Es ging um Macht, im Großen wie im Kleinen. Um die Machbarkeit von Politik, um Koalitionen und die Grundsätzlichen Fragen, was richtig und was falsch ist, was gerecht und was ungerecht ist … und vor allem für wen. Jedenfalls immer genügend Gründe, so richtig wütend zu werden, damals wie heute.

Hier unterbreche ich den Text kurz, um den gelangweilten Lesern die Möglichkeit zu geben auszusteigen, falls sie es noch nicht getan haben. Während dieser Pause werde ich mir eine „leichte Zwischenmahlzeit“ gönnen, eine Milchschnitte von Ferrero. Dass die Leute von Ferrero es einfach versäumt haben zu erwähnen, dass diese „leichte Zwischenmahlzeit“ so gehaltvoll wie ein Stück Sahnetorte ist – Schwamm drüber. Die Organisation Foodwatch hat es nachgeholt und dieses Sahnestückchen zum „goldenen Windbeutel 2011“ gekürt. Mitdenken darf man bei solchen Meldungen immer, dass sich unsere Politiker seit Jahren  ganz vehement gegen eine verbraucherfreundlichere Kennzeichnung von Lebensmitteln wehren. Allerdings ist es auch selten so lecker, ein Stück Wut verspeisen zu können, wie das erwähnte Stück Sahnetorte. Für die verbliebenen Weiterleser geht es nun weiter.

Das schmale literarische Werk, das Georg Büchner hinterlassen hat, ist allemal lesenswert.

Wenn darin bei seinen Figuren manchmal der Wahnsinn an die Tür klopft, wie z.B.: im „Woyzeck“ oder in der Erzählung „Lenz“, kann das durchaus an seiner Familie liegen. Dort gehörten die Nervenleiden zum Berufsalltag. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren in einer Nervenheilanstalt tätig. Der Vater, Ernst Büchner, verfasste auch so interessante medizinische Fachbeiträge wie: „Ein decidirter Fall von Wasserscheu als Folge des Bisses eines tollen Hundes, nebst beigefügtem Fall einer zweifelhaft gebliebenen Rabies ohne darauffolgende Wasserscheu“. (Rabies ist das Tollwutvirus). Das Philippshospital in Goddelau, wo Ernst Büchner einige Jahre als Arzt arbeitete, gilt als eines der ältesten psychiatrischen Krankenhäuser der Welt. Das Geburtshaus von Georg Büchner ist auch in dem Örtchen Goddelau zu finden und immer einen Besuch wert. In meiner Jugend war „Goddelau“ ein Synonym für geisteskrank. Manchmal führt mich mein Weg an den zahllosen älteren Gebäuden vorbei (Nein, nicht als Patient!). Man bekommt mehr als einen Eindruck davon, wie es hier im 19. Jahrhundert ausgesehen haben mag. Wie es innerhalb der Mauern dieser Nervenheilanstalt zuging, zeigt ein kleines Museum, das auf Anfrage zu besichtigen ist. Ein wahres Gruselkabinett der Menschenverwahrung, mit allen erdenklichen Folterinstrumenten, die angeblich der Heilung dienlich sein sollten. Wenn man das Museum wieder verlässt, scheint die Gesellschaft, in der wir uns bewegen, bei aller berechtigten Kritik und Wut, doch nicht die schlechteste zu sein.

Die Wutbürger brauchen wir trotzdem. Vielleicht ein paar mehr, damit unsere Gesellschaft auch weiterhin nicht die schlechteste ist und das auch so bleibt.

Text und Abbildung: Dieter Motzel. 2011.

Randgebiet

Randgebiet

Man muss schon in die Außenbezirke und an deren zerfressene Ränder, um den hässlichsten Stellen einer Stadt gegenübertreten zu können. Dort treffen die handtuchbreiten Gärten der Wohnhäuser auf dornenbewehrtes Gestrüpp, das sich auf seinem Weg weder von den zahlreichen Schutthaufen, noch von notdürftig ausgetretenen Trampelpfaden hat aufhalten lassen. Die halbverrosteten Maschendrahtzäune hinterm Haus werden es auch nicht schaffen, obwohl sie mit morschen Brettern einen morbiden Festungswall vortäuschen. Schöner Wohnen kommt hier nur in Zeitschriften vor. Aber auch die Wachstumsfreude der Hecken lässt Durchgänge offen, sofern nicht entsorgte Altreifen den Zugang verwehren. Die anschließenden Waldfetzen werden von einer Schnellstraße, Bahngleisen und einer Autobahn durchschnitten oder begrenzt und einige der schnurgeraden Wege enden abrupt an einer 10 Meter hohen grünen Lärmschutzwand. Der abgestumpfte Wald ist ausgelichtet und die Baumstämme wirken wie in den Boden gerammte Pfähle, auf denen ein wenig Grün verteilt wurde. Der Waldboden ist bedeckt mit altem Laub, Zigarettenschachteln und Papiertaschentüchern. Dazwischen Verbuschungen, in denen sich verfangene Plastiktüten schon seit Jahren zermürben. Es ist kein Wald in dem Hexen und Elfen wohnen. Von Zwergen sind auch keine Spuren zu finden, nur verzwergter Wald. Mit Ruhebänken, die an seltsamen Stellen keine Ruhe versprechen und Vogelhäuschen, die merkwürdig tief hängen (vielleicht doch Elfenwohnungen). Überhaupt fällt auf, dass sich hier Unmengen von Vogelhäuschen befinden. Als gälte es, durch eine komfortable Wohnsituation, die letzten natürlichen Stimmen in diesen Waldstücken zu erhalten. Und um das permanente Rauschen der nahen Autobahn zu übertönen, manchmal jedenfalls. Gegen die Lautstärke des unförmigen Kolosses, der sich mit jeder Drehung seiner Räder tiefer in den weichen Waldboden gräbt, wären die Stimmchen freilich machtlos. Ein Waldarbeiter sitzt auf dem vierrädrigen Monster, das mit seinem Greifarm die Bäume fällt, schält, und auf eine exakte Länge gestückelt, am Wegrand platziert. Er folgt unaufhaltsam einer Spur mit roten und blauen Markierungen, die an den Stämmen angebracht wurden. Mensch und Maschine erledigen die Arbeit von vermutlich 10 Arbeitern, ohne dabei in größere Gefahr zu kommen, sich mit der Motorsäge ein Bein zu entfernen.

Die baumfällende Maschine lässt sich durch mich nicht stören. Der Weg führt mich aus dem Wald auf einen überwachsenen Erdhaufen. Zwei hölzerne Bänke und ein Tisch wirken wie am falschen Ort. Hätte ich das unausgesprochene Angebot, Platz zu nehmen, angenommen, würde mein Blick auf Gefängnismauern treffen, die sich notdürftig mit durchsichtigem Wald zu schützen suchen. Die gegenüberliegende Seite wartet mit Industriehallen auf, die, kaum fünfzig Meter entfernt, in den grauen Novemberhimmel ragen. Das einzige, was hier noch fehlen mag, ist ein Schild: zur schönen Aussicht. Die schöne Aussicht genießen können sicher auch die Bewohner eines Einfamilienhauses, das  sich in den Schatten zweier Industriezweckbauten schmiegt. Es scheint nicht unüblich zu sein, dass sich der Besitzer eines kleinen mittelständigen Unternehmens in diesen Industriegebieten, neben seiner Fertigungshalle auch gleich seinen Familienwohnsitz errichtet. So findet sich neben der zweckmäßigen Omnibushalle ein kleines Wohnhaus im Zuckerbäckerstil nach Schwarzwälderart. Es scheint merkwürdig, dass die wenigsten Besitzer Wert auf ein architektonisch ausgewogenes Konzept, für Wohnen und Arbeiten an einem Ort, legen. Es gäbe sicher schönere Lösungen, als der Flachdachbungalow neben dem Hochregallager. Hier wäre viel aufzuräumen.

An einem hohen Bahndamm führt mein Weg zurück. Es lärmt nicht schlecht, wenn die Züge über meinem Kopf hinweg donnern. Hier wäre ein guter Ort, um eine Leiche zu finden. Es lag aber gerade keine da, trotz intensiver Suche. Vielleicht komme ich irgendwann nochmal vorbei … ist aber unwahrscheinlich.

Die Geschichte mit der kleinen roten Damenhandtasche, die aus einem Zug geschleudert wurde, mich so am Kopf traf, dass mein rechtes Ohr fast abgerissen wurde und mir keine andere Möglichkeit mehr blieb, als ohnmächtig zu werden, erzähle ich ein anderes mal. Obwohl sich in der Handtasche, neben dem übliches Hausrat, der sich immer in solchen Taschen finden lässt, noch gefälschte Reisedokumente einer rothaarigen Dame aus St. Petersburg und drei einzelne Finger befanden, die, wie sich erst später herausstellte, dem Sohn eines Osnabrücker Fleischgroßhändlers gehörten, ist die Geschichte eigentlich recht langweilig. Zumal sich der Goldbarren, der letztlich zu meiner Ohnmacht führte, und sich ebenfalls in der Tasche aufhielt, als eine Fälschung entpuppte, ebenso wie das kleine Spitzweg-Gemälde, das in die Außenhülle eingenäht war.

 

Text und Abbildung: Dieter Motzel. 2011.

Es zwickt und zwackt

Es zwickt und zwackt

Das Gewissen beißt, nicht unaufhörlich, nur manchmal zwickt und zwackt es an Stellen, die nicht vorhersehbar sind. Man kann es als gutes Zeichen dafür werten, überhaupt ein Gewissen zu besitzen, was nicht als selbstverständlich angesehen werden kann. Es gibt immer Gründe für den Gewissenszugriff auf unser Wohlbefinden, aber zur Not finden sich schnell welche, sei es die allgemeine Weltlage oder das eigene Befindlichkeitsbild. Wer es weniger abstrakt mag, schaut vermutlich auf die Versäumnisse eines unbefriedigenden Tages zurück. Es findet sich immer etwas, an dem sich das Gewissen reiben kann. Momentan beeilen sich die Tage wieder, um schnell ins Bett zu kommen. Die Tage werden dunkler. Den Sommer über ruhiggestellt und sonnen- und wärmeumspült verhätschelt, möchte es nun wieder mehr Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Die kleinen Gewissensbisse werden herzhafter und mit mehr Appetit verteilt.

Um den kleinen Wunden, die unser beißendes Gewissen hinterlässt, schneller zur Heilung zu verhelfen, kann man sich abends ein paar Gläser Rotwein gönnen. Es ist ein probates Schmerzmittel, förderlich für jedweden Heilungsprozess und, außer bei Alkoholsucht, immer zu empfehlen. Klopft unvermutet, und sicherlich auch unwillkommen, eine Erkältung an die abendliche Tür, sollte man sich schleunigst ein Glas warmen Rotwein, Zucker oder Honig darin verrührt, zu sich nehmen … und die Tür bleibt geschlossen. Falls jetzt jemand an Glühwein denkt, dem sei gesagt, dass Glühwein kein Wein, sondern ein Gesöff ist.

Dem Bacchus, der gerade auf einer Zeichnung von Hans Baldung Grien vor mir liegt, wäre es wohl egal. Er sitzt als kleines feistes Wonnepröppchen, das sich, reichlich bedient, an einen Rebstock lehnt. Der Wein rankt überall, und viele kleine hilfreiche Gestalten wimmeln durch die Zeichnung von 1517. Man mochte es durchaus drastisch zu dieser Zeit. Heftig saufend und kotzend füllen die getreuen Helferlein von Bacchus den Bildraum aus. Auch vor der Benutzung eines Trichters scheut man nicht zurück, der, in den Mund gesteckt, den Wein aus bocksbeutelförmigen Gefäßen aufnimmt. Bacchus hat längst die Augen geschlossen, schlummert entspannt und träumt, vermutlich mit einem Rauschen im Kopf, vom nächsten Gelage. Das beschriebene Bild ist in einem Buch von Gottfried Stein, „Reise durch den deutschen Weingarten“, abgebildet. 1956 erschienen, fehlt ihm jede Aktualität, die heute so wichtig scheint, und mancher darinstehende Gedankensatz lädt zum breiten Grinsen ein. Unterhaltsam ist es trotzdem, zum Beispiel vertraute jemand „um 1600 seinem Tagebuch gelegentlich Notizen an wie: bin ich fol gewesen … bin ich von der Tafel aufgestanden, ist mit übel geworden … hab ich den ganzen Tag geschlafen … hab ich ein rausch gehabt … bin ich nach mittags in den Rath gegangen, und geschwitzt“. Dieser jemand war kein geringerer als der Heidelberger Schlossherr Markgraf Friedrich IV. Er wurde auch „der Aufrichtige“ genannt. Ihn den „Aufrechten“ zu nennen, wäre wohl zu viel des Guten gewesen.

Vorwerfen muss man dem Buch natürlich, dass es die „Hessische Bergstraße“, nur als Anhängsel der badischen Bergstraße, kaum erwähnt. Das ist mehr als schändlich und lässt nur den Schluss zu, dass die besten Bücher über Wein immer noch in Flaschen abgefüllt sind.

 

Illustration und Text: Dieter Motzel, 2011.

Blauweißviolett

Blauweißviolett

Zwei Fliederbäume standen vor dem Haus. Schöne hoch gewachsene starke Stämme, nicht zu vergleichen mit dem Fliedergestrüpp, dem man so oft begegnet. Sie durften wohl schon einige Jahre alt gewesen sein, als ich zur Welt kam. Einen der Bäume hatte mein Großvater, den ich nie kennen lernte, veredelt. Er pfropfte dem wilden Flieder veredelte Triebe auf. Wahrscheinlich erlebte er noch, wie das Bäumchen im Frühjahr dreifarbig blühte. Blauweißviolett. Vermutlich war er stolz auf seinen Flieder, ich wäre es an seiner Stelle gewesen. In einer Vergabelung des hohen Stammes, mit seiner rissigen und spröden Rinde, saß ich als Kind oft, während um die üppigen Blütendolden die Bienen summten. Mein Großvater fiel irgendwo in Russland in einem unsinnigen Krieg. Seine Fliederbäume wuchsen und blühten weiter. In Kriegszeiten erlebten sie noch, wie ein britischer Bomber, in kaum 100 Meter Entfernung, zur Erde stürzte. Sie erlebten die Erschütterung der explodierenden Munition und die Erschütterung der Menschen, die überlebten. Seiner tödlichen Bombenfracht hatte sich das Flugzeug schon vorher entledigt, und die meisten der Anwohner konnten wenig später unversehrt aus ihren Kellern kriechen. Den Fliederbäumen hat es nicht geschadet, sie konnten in den Jahren danach in Ruhe älter werden. Jedenfalls bis ich kam und in kindlicher Verspieltheit die Rinde abschälte.

 

Bild und Text: Dieter Motzel, 2011.

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