Der Teufel steckt im Detail

Der Teufel steckt im Detail

Wenn man nicht ganz bei der Sache ist, wird aus dem eigenen fahrigen Tun schnell Fahrlässigkeit. Es war wenig überraschend, dass die Wäscheklammer meine kleine Schwäche nutzte und zubiss. Keine große Sache, sie erwischte die Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich war allein, deshalb schrie ich nicht vor Schmerz auf und verzichtete auch gänzlich auf minutenlanges Rumgejammere. Der Teufel, diese gestürzte Lichtgestalt, hatte sich in meinem Wäscheständer verfangen. Das wurde mir klar, als die Konstruktion noch meinen Daumen quetschte. Beim Ausklappen der Seitenteile spielten die Scharniere Fallbeil. Mein Glück, dass Rundrohre keine scharfen Kanten haben. Kein Aufschrei kam durch meine Lippen, der Teufel sollte nicht siegen, außerdem musste ja die Wäsche noch aufgehängt werden. Zwangsläufig beschäftigte mich der Gedanke, welche Rolle der Wäscheständer im Waffenarsenal des Teufels spielt. Ich erinnerte mich daran, dass vor Monaten der Wäscheständer einer Nachbarin spurlos verschwand, also ohne Wäsche, nur der Ständer. Wer klaut schon einen Wäscheständer, wenn er nichts Großes damit plant? Wir kennen solche Bilder, wenn tausende Wäscheständer durch die Straßen laufen und Parolen skandieren. Ähnlich wie Karteileichen, die in Parteien oder Vereinen, jenseits der aktiven Arbeit ihr Mitglieder-Dasein fristen, um dann bei wichtigen Abstimmungen von Vasallen herangekarrt werden. Jede Stimme zählt, und gibt auch schön Kaffee und Kuchen oder ein Herrengedeck. Warum sollte es also keine Wäscheständer-Revolution geben, wenn der Teufel das so will?

Seit vielen Jahren wohnt im gegenüberliegenden Haus eine japanische Familie. Ein Wäscheständer wird dort fast täglich neu bestückt. Regelmäßig schaut die Frau nach der Wäsche, prüft jedes Stück sorgsam, so manches wird hierhin und dorthin umgehängt. Der Trocknungsprozess der Wäsche wird mit ihren Händen sorgsam begleitet. Manchmal denke ich, dass erst die Aufmerksamkeit, die sie jedem Wäschestück zukommen lässt, eine Trocknung überhaupt möglich macht. Was bleibt, ist das sichere Gefühl einer Beständigkeit. Auch wenn sich die ganze Welt verändert. Solange auf ihrem Balkon die Wäsche trocknet, ist alles in Ordnung und der Teufel hat keine Chance.

 

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2018

Teufelsküche

Teufelsküche

Das leise Knacken der Luft ist ein untrügliches Zeichen für klirrende Kälte. Eine Eisplatte hat sich von einem der Dächer gelöst und ist beim Aufprall auf die Straße in tausend kleine Teile zerborsten. Ein mittelgroßes Teil klatscht mir an den Kopf. War also doch nicht die Luft, die leise geknackt hat, sag ich mal so. Der böige Ostwind treibt mir Tränen in die Augen, und beim Aufsammeln des Hundehaufens verschwimmt mir die Sicht im eigenen Wasser. Bin gar nicht mehr sicher, ob ich auch den richtigen Haufen erwischt habe. Jedenfalls ist etwas Weiches in der Tüte, die sich warm anfühlt. Kann also nicht so falsch gewesen sein, und wenn, es zählt die Geste des guten Willens. Es macht wenig Sinn, dem Hund einen Stock zu reichen, damit er mich sicher nach Hause geleitet. Ich habe ihn schon an der Leine, und er tut sein Bestes, mich in der Richtung zu halten. Unter Blinden ist der Einäugige König, heißt es. Die Möglichkeit seines einäugigen Sehens hat einfach den Vorteil, einen Trupp voller Blinder stolperfrei auf den Weg zu bringen und vielleicht sogar schon das Ziel vor Augen zu sehen. Ob es der richtige oder der falsche Weg ist, sei einmal dahingestellt. Dass so mancher Wege schwierig zu begehen ist, weiß auch jeder Sehende. Hindernisse, Stolperfallen und Gefahren, die Abseits bereits lauern, um an der nächsten Biegung sehr real zu werden. 

 

Wenn der Teufel ein Bein ausstellt, kann auch der Umsichtigste der Einäugigen nicht verhindern, dass ein Blinder strauchelt. Dann kann einiges in Zweifel gezogen werden.

 

„Wozu brauchen wir den Einäugigen als König, wenn er nicht verhindern kann, dass wir ins Straucheln geraten und ich mir dabei den Kopf anstoße?“

 

„Der hält sich nur für etwas Besseres. Dabei hat er auch nur ein Auge, und auf dem zweiten ist er genau so blind wie wir.“

 

„Vielleicht behauptet er auch nur, dass er einäugig ist. Oder hat es tatsächlich mal einer von uns gesehen, sein Auge! Nein? Na, da seht ihr es!“

 

„Es sollte einer von uns Blinden der Anführer sein. Ein Gleicher unter Gleichen!“

„Jawohl, nur ein Blinder hat das Recht einen Blinden zu führen!“

 

„Ja, wir nehmen uns alle an die Hand, und bilden eine Kette mit gleich starken Gliedern!“

 

„Wer geht als Erster voran?“

 

„Wir können uns ja abwechseln. Ich fange an!“

 

„Warum du, ich könnte auch den Anfang machen …“

 

„Stopp, ich mache den Anfang, ich bin der Älteste!“

 

„Ach ja, der Älteste, und was ist mit mir, ich bin der Jüngste. Ich habe noch Ausdauer und Kraft, ich gehe vorne weg!“

 

„Aber was ist mit ihm? Er ist nicht nur blind, sondern auch stumm. Er ist nicht schlechter als wir und er darf nicht ausgegrenzt werden. Ihm müssen wir unsere Stimme geben, soll er uns anführen!“

 

„Nein, der muss es machen. Er ist blind und taubstumm, ein wahrhafter Seher! Er soll unser Anführer sein!“

 

Alles nicht so einfach, wenn der Teufel anfängt in die Suppe zu spucken.

Abbildung und Text: Dieter Motzel. März 2018.

Nachts sind alle Farben erfunden

 

Nachts sind alle Farben erfunden

„Wollen Sie die Farbinformation verlieren?“, fragt freundlicherweise mein Bildbearbeitungsprogramm, wenn ein Farbbild in Graustufen umgewandelt werden soll. Es sei nur am Rande bemerkt, dass das Bild dabei natürlich mehr verliert, als nur die Farbinformation. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Winter mir diese nicht unwichtige Information, als Option zur Verfügung gestellt hätte. Ich musste einfach hinnehmen, dass die Farbinformation über Monate verloren ging. Grau, Grau und Grau, gerne zusammengefasst als Grau-in-Grau. Seit Beginn der Wetteraufzeichnung, lässt uns der Deutsche Wetterdienst wissen, ist ein Winter noch nie so grau und trüb gewesen wie der diesjährige. Erstaunlich, dass ein Farbreiz, der dunkler als Weiß und heller als Schwarz ist, so bestimmend sein kann. Das Adjektiv gräulich ist mit Abscheu und Widerwillen verbunden, und so ziemlich alle grauen Wortverwendungen enden irgendwo in diesem Bereich. Vom Alltagsgrau bis zur grauen Maus summiert sich viel Negatives auf eine Farbe, die gar keine ist. Grau sollte als Gefühlbezeichnet werden, oder als eine Emotion, die kräftig nach unten Austritt. Wenn ich mir einen solchen Grau-in-Grau-Tag auf den digitalen Bildschirm legen würde, (Bildschirm fixiert, wie wir nun mal sind), könnte ich theoretisch 256 Grauabstufungen wahrnehmen. Immerhin ein schönes Spektrum zwischen Schwarz und Weiß, das uns einen grauen Tag differenzieren lassen würde. In Anbetracht dessen, dass das menschliche Auge so grob geschätzt 60 Grautöne unterscheiden kann, hätte der 256-Grauabstufungen-Tag immer noch mehr zu bieten, als wir wahrnehmen. So gesehen, hat ein Grau-in-Grau-Tag noch reichlich Luft nach oben, wenn wir sie nur wahrnehmen könnten.

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldener Baum“, lässt Goethe in seinem Faust sprechen. Rein praktisch bin ich weniger bei Mephistopheles, der verheißungsvoll das Leben in grüngoldener Verlockung erscheinen lässt, als Zeichner mag ich einfach den grauen Sumpf aus verschwärzlichter Farbpampe, hier fühle ich mich rechtschaffen wohl. Aristoteles, der in seinem Werk „Über die Sinne“ zu der Annahme kam, dass Farben sich in unterschiedlichen Mischungen aus Schwarz und Weiß zusammensetzen, erscheint mir dann näher, völlig unabhängig von allen physikalischen und neurologischen Erkenntnissen. Einige halten Farben sowieso nur für eine Erfindung unseres Gehirns. Der Ursprung aller Bilder ist für mich Schwarz-Weiß in vielen Schattierungen, und die Farben mag sich bitte jeder selbst denken.

Wer hier eine Farbe entdeckt, der hat sie sich erfunden.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2018

Die kunstsinnige Fliege

Die kunstsinnige Fliege

Über meinem Kopf hängt ein Ölbild. Wenn ich von unten schaue, sehe ich die Farbreste auf der einfachen Holzleiste, die das Bild umschließt. Es stand schon mit der Leiste auf der Staffelei im Atelier des Künstlers. An den Außenrändern des Bildes lugt noch die blanke Leinwand hervor, der Pinsel getraute sich nicht bis an die Leisten heran. Das Motiv zeigt im expressionistischen Duktus eine Landschaft am Meer. Grau, Blau, Indigo sind die vorherrschenden Farben, manchmal ein aufhellendes Weiß. Es gefällt mir nicht besonders, aber es ist nicht unprofessionell gemalt. 69 steht als Jahreszahl neben der Signatur. Es ist das beste Bild hier im gemieteten Haus. Mehr als ein Dutzend weitere Ölbilder hängen in den Räumen, und sie machen mich zunehmend unruhig. Wenn ich morgens im Bett aufwache, würde ich gerne das Bild sehen, das über meinem Kopf hängt. Weil mir dazu die anatomischen Möglichkeiten (Teleskophals o. ä.) fehlen, muss ich mich mit den Farbresten auf der unteren Leiste zufrieden geben. Ungute Gedanken erwarten mich am Fußende des Bettes, denn dort hängt mit Abstand das schlechteste Bild in der Wohnung. In mir verfestigt sich der übergriffige, aber sehr dringende Wunsch, es einfach zu übermalen. Blöderweise habe ich keine Ölfarben dabei. Vielleicht ist das auch gut so, denn ich kann mir gut vorstellen, es aus einem Impuls heraus tatsächlich zu tun. Und einmal angefangen, bin ich sehr schwer zu stoppen. Auch nicht von 18 Ölbildern unterschiedlicher Größe. Mangels Material bleibt es bei dem Gedanken, den ich allerdings ausführlich in Einzelheiten und in Farbe genieße. Mittlerweile kenne ich das Bild schon sehr genau. Nun ist auf dem Bild ein schwarzer Punkt aufgetaucht, wo eigentlich kein schwarzer Punkt hingehört. Ich weiß das, weil ich das Bild gefühlt schon vielfach übermalt habe (ein schrecklicher Albtraum wäre, es selbst gemalt zu haben). Obwohl er nicht dort sein dürfte, blieb er einfach. Bei einer näheren Betrachtung stellte sich heraus, dass der schwarze Punkt eine alte Bekannte war. Die kunstsinnige Hausfliege. Sie ist die einzige Fliege im Haus. Ich nehme an, sie fiel bei der Bildbetrachtung in eine Art Schockstarre. Gestern begutachtete sie ausgiebig die frische Tuschezeichnung in meinem Skizzenbuch. Das Interesse war jedenfalls vorhanden, sie rannte von einem Ende zum anderen und schaute sich dabei einige Details besonders genau an. Zum Abschluss nahm sie noch einen kräftigen Schluck aus einer noch feuchten Lache. Ich tat das auch, allerdings griff ich dabei zum falschen Glas. So war auch mir ein kräftiger Schluck von meiner Tuschezeichnung gegönnt. 

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2017

Schnampelweg

Darmbachaue. Foto: Dieter Motzel.

Schnampelweg

„Seine hervorstechenden Eigenschaften sind leises, dergleich nicht immer zartes Gefühl, lebhafter Witz und einiges Talent für Versification. Ein Mann dieser Art konnte sich keine glänzende Laufbahn öffnen.“ Das schrieb Garlieb Helwig Merkel 1812 in seinen „Skizzen aus meinem Erinnerungsbuche“, und er meinte damit nicht mich, denn wir sind uns erstaunlicherweise nie begegnet.

Mit „Highway to Hell“ in der Wiederholungsschleife hatte ich als Ziel den Schnampelweg. Der ist hier in Darmstadt, und nach zweimaligem Abspielen und einem kleinen Gehörsturz hatte ich das Ziel erreicht. Den Schnampelweg. Warum er so heißt, wie er heißt, entzieht sich meiner Kenntnis. Selbst eine einleuchtende Erklärung, die mir zu Ohren gekommen ist, lässt mich letztlich unwissend zurück, weil das Wort, von dem seine Herkunft abgeleitet wurde, mir gänzlich unbekannt ist. Das Wort heißt „schnampampeln“ und soll müßig umherschlendern bedeuten. Am Anfang des Weges ist von Müßigkeit wenig zu spüren, an Wochenenden herrscht eher die Hölle vor (das Begleitlied ist nicht ohne Grund ausgewählt), wie in vielen Gebieten, die man zur Naherholung deklariert. Parkplatzchaos und Horden von Familien, die ihre Kleinen zwecks eigener Nervenberuhigung in den Darmstädter Zoo, Vivarium genannt, schleppen. Mit meinen Nerven war es nicht mehr weit her, als auch noch eine Großfamilie beschloss, sich an der Hand zu nehmen und eine Menschenkette bildete, um den schmalen Weg in ganzer Breite nutzen zu können. Da ich nicht im Ansatz daran dachte, von meinem Weg abzuweichen, musste mein stoischer Eigensinn zwangläufig mit der freudigen ‚wir haben uns alle so lieb Menschenkette‘ kollidieren. Es blieb aber bei bösen, sehrsehr bösen Blicken, als ich die Kette durchbrach. Das Vivarium hinter sich lassend, ist das Gröbste überstanden und alles verläuft sich ein wenig in den schattigen Darmbachauen. Der Darmbach ist ein kleiner Bach, na ja, diese Bezeichnung ist sehr gut meinend. Realistisch betrachtet ist die Bezeichnung Rinnsal stimmiger, die in den trockenen Sommermonaten besonders treffend ist. (Darmstadt ist übrigens nicht nach dem Bach benannt, es ist umgekehrt).

Darmbachaue zum Zweiten. Wird einfach nicht schöner. Foto: Dieter Motzel.

Darmstadt ist ja eine der wenigen Großstädte, die keine Flussanbindung haben, deswegen ist es verständlich, dass man heute den Darmbach in Ehren hält und ihn an dieser Ecke, in der ich unterwegs bin, vor Jahren renaturierte, ein kleines Stückchen jedenfalls. Schließlich soll man hier ungestört schnampampeln können. So wie einst Matthias Claudius, sagen wohlmeinende heimatliche Zungen, und zwar so etwa alle hundert Jahre, wenn wieder ein rundes Geburts-, Todes- oder sonstiges Jubiläum ansteht. So auch 2015, als Matthias Claudius durch die Feuilletons gejagt wurde, weil er 200 Jahre tot war. Natürlich werden dabei immer so strittige wie unsinnige Fragen erörtert, wie bei Claudius, wo er denn nun die vielleicht berühmteste deutsche Dichtung geschrieben hat. Sein Abendlied. Drei Orte bringen sich dabei in Stellung.

Na ja, die andere Richtung weist auf den Kotelett-Pfad. Keine einfache Wahl.

Foto: Dieter Motzel.

Darmstadt ist einer von ihnen, und der Schnampelweg die genauere Lokalisierung. Dort geht der Mond über dunklen Wäldern auf, und in den Wiesen hängt weißes Zeugs, und manchmal ist sogar der Nachbar krank. Wie, wird der ein oder andere einwenden, das haben wir auch vor der Haustür … und der Nachbar klingt auch krank. Dunkle Wälder, neblige Wiesen und sogar Mond. Das mag natürlich so sein, aber bei Euch ist 1777 nicht Matthias Claudius durch die Landschaft gestiefelt, hier in Darmstadt schon!

Matthias Claudius. Zeichnung: Dieter Motzel.

Insofern ist zumindest der Gedanke nicht ganz abwegig, dass Claudius während seines knapp einjährigen Aufenthalts in Darmstadt dieses, 1778 erschienene, wunderbare Stück geschrieben hat. Allerdings halte ich die Vorstellung für sehr naiv, dieses Gedicht oder die Inspiration dafür, einem bestimmten Ort zuordnen zu wollen. Auf dieser Bank, gestiftet von der Sparkasse, saß der große Dichter und sah den Mond aufgehen, klingt ja auch nicht so schlecht, und den ermatteten Wanderer erfreut es. Es bleibt aber wohl nur einheimische Folklore.

„… alles mit dem Ziel, den guten fleißigen Unterthanen jede Gattung seiner Arbeit fruchtbarer, seine Abgaben leichter, sein ganzes Leben froher, sein Himmel blauer, ihn Stolz auf sein Vaterland, zufrieden mit sich selbst und dankbar gegen seinen Fürsten zu machen.“ Nein, das ist kein Auszug aus einer Wahlkampfrede von Martin Schulz. Das hat der Leiter der Hessischen Landkommission, Friedrich Karl Moser, obwohl irgendwie immer noch zeitgemäß, 1777 geschrieben. Ein paar Jahre vorher hatte der Landgraf Ludwig IX von Hessen-Darmstadt beschlossen, diese Kommission einzurichten, mit dem Ziel einer Verbesserung der Nahrungsmittelproduktion.

„Landgraf Ludwig IX von Hessen-Darmstadt“. Zeichnung: Dieter Motzel.

Er gilt als „fortschrittlicher“ Landgraf. Diese Ansicht kann ich nur bedingt teilen. Schließlich hat er Pirmasens gegründet, … wer macht sowas?

Es ging letztlich um die Einführung der Dreifelderwirtschaft und die Nutzbarmachung von Brachen etc.. Auf Vermittlung von Johann Gottfried Herder, (der durch den literarischen Darmstädter „Kreis der Empfindsamen“ Verbindungen zu Darmstadt hatte, das ist aber eine andere Geschichte), erhielt Matthias Claudius 1776 eine Anstellung als Landkommissar in Darmstadt. Ihm oblag die Aufgabe, die Landreform unter die Bauersleute zu bringen. Im Jahr darauf wurde er noch Redakteur der „Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung“, das war so etwas, wie das Publikationsmedium des Reformprogramms. Dumm nur, dass die Lesefähigkeit der Bauern damals nicht sehr ausgeprägt war. Die Reform hatte allerdings auch nur mäßigen Erfolg.

Nach seiner Ankunft schrieb Claudius in einem Brief „Die Gegend ist hier ein Paradies.“, und dass es ihm weder an Nahrung, noch an Wein und Tabak (oder war es Kaffee?) mangele. Das mit der Gegend kann ich natürlich bestätigen. Aber es mangelte ihm an der nötigen Beamtenmentalität, und so blieb sein Aufenthalt nur eine einjährige Episode. Das Anfangszitat von Merkel galt übrigens Matthias Claudius.

"Matthias Claudius lässt den Mond steigen“. Zeichnung: Dieter Motzel.

Das Abendlied kennt natürlich jeder:

 

Der Mond ist aufgegangen,

die goldnen Sternlein prangen

am Himmel hell und klar;

der Wald steht schwarz und schweiget,

und aus den Wiesen steiget

der weiße Nebel wunderbar.

 

Wie ist die Welt so stille

und in der Dämmrung Hülle

so traulich und so hold!

Als eine stille Kammer,

wo ihr des Tages Jammer

verschlafen und vergessen sollt.

 

Seht ihr den Mond dort stehen?

Er ist nur halb zu sehen

und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen,

die wir getrost belachen,

weil unsre Augen sie nicht sehn.

 

Wir stolzen Menschenkinder

sind eitel arme Sünder

und wissen gar nicht viel;

wir spinnen Luftgespinste

und suchen viele Künste

und kommen weiter von dem Ziel.

 

Gott, laß uns Dein Heil schauen,

auf nichts Vergänglichs trauen,

nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden

und vor Dir hier auf Erden

wie Kinder fromm und fröhlich sein!

 

Wollst endlich sonder Grämen

aus dieser Welt uns nehmen

durch einen sanften Tod!

Und wenn Du uns genommen,

laß uns in Himmel kommen,

Du, unser Herr und unser Gott!

 

So legt euch denn, ihr Brüder,

in Gottes Namen nieder!

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen;

und laß uns ruhig schlafen

und unsern kranken Nachbar auch!

 

So schrieb das Matthias Claudius, … und yep, es ist wie schnampampeln am Schnampelweg.

 

 Kleiner Nachtrag:

Zu einem Lied wurde das Gedicht im Jahr 1790. Johann Abraham Schulz vertonte die Strophen seines Freundes Matthias Claudius. Wer will, kann sich an Wader oder Grönemeyer wenden, die haben das auch ab und an in ihrem Programm. Wenn ich singen könnte wie Schubert, würde ich seine Version von 1816 singen. Nur so!

 

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel. August 2017.

(Berliner) Tanzbären

(Berliner) Tanzbären

Eine Feder aus Metall spannt sich und setzt ein feines Räderwerk in Gang, das die immergleichen Bewegungen auslöst. Jedenfalls bis die treibende Kraft der Feder nachlässt und die Bewegungsabläufe langsamer und zögerlicher werden. Obwohl die Bewegungen vorhersehbar sind, kann ich doch meinen Blick selten abwenden und schaue mit Lust und viel Laune diesem einfachen mechanischen Spektakel zu. Im Laufe der Jahre haben sich bei mir viele, mit unter recht seltsame Figuren angesammelt, die sich zu den merkwürdigsten Verrenkungen bereit erklären, wenn ich ihr Innenleben in Gang setze. Genaugenommen müssen sie sich natürlich nicht bereit erklären, ich tue es einfach. Stecke einen Schlüssel in sie und fange an, ihn zu drehen. Die einzige Chance der Figur, den erwartbaren Bewegungen zu entkommen, besteht darin, kaputt zu gehen. Das kann schon mal passieren. Letztlich landen wir alle irgendwann mal auf dem Schrottplatz der Geschichte. Meine kleine pinkfarbene Maus gehört noch nicht zum Alten Eisen (sie ist auch aus Plastik). Sobald ich sie aufziehe, macht sie brav einen Salto rückwärts nach dem anderen und landet dabei immer mit beiden Beinen auf dem Boden, wenn er eben und trittfest ist.

Die beiden Tanzbären auf meinem gezeigten Bild entspringen einer Bildidee und keiner realen Figur aus meinem Kabinett. Der angedeutete Schlüssel, zum Aufziehen ihrer Mechanik, der aus ihrem Kopf ragt, lässt immerhin vermuten, dass sie zu Bewegungen fähig sind. Aber ganz gleich, in welcher Art Arme und Beine den Körper antreiben, ihr Kopf wird darauf keinen Einfluss haben, nur der, der den Schlüssel dreht, um den Mechanismus in Bewegung zu setzen.

In unserer gelebten Realität, die uns so ziemlich jeden Tag auf die eine oder andere Weise belästigt, ist der echte Tanzbär glücklicherweise verschwunden. Vor nicht allzulanger Zeit waren diese malträtierten Tiere noch häufiger in den Balkan-Ländern anzutreffen. Meist wurde den Braunbären ein Pflock durch die Nase getrieben, und viele der Besitzer versorgten sie großzügig mit schwarzgebranntem Fusel. Halbblind durch den Alkohol und an der Nase gezogen, trotteten sie durch die Städte und mussten sich zur Musik ihres Besitzers bewegen. Für den Betrachter entsteht das Bild der großen wilden Bestie, die sich den zarten Tönen der Musik unterwirft. Das kleine Menschlein unterwirft die ungezähmte Natur. Es sind diese Ur-Bilder aus unserer Vergangenheit, die unser Menschsein prägen. Dass dabei der Bär auf seinen Nasenring reagiert und nicht auf die Musik, spielt dabei eine Nebenrolle, schließlich ist es immer die pure Fiktion, die in unseren Gedanken die Hauptrolle hat.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel 2016

Galgenvögel

"Pfungstädter Galgen"

Galgenvögel

Es ist nicht der idealste Ort, zur Geisterstunde den Seelen der Gehenkten nachzuspüren. Der Grusel und die schaurigen Gedanken kommen nicht von alleine, man muss sie schon denken wollen und sich dabei alle Mühe geben, denn selbst in der Nacht ist die Szenerie taghell beleuchtet. Der historische Richtplatz liegt direkt neben einer vielbefahrenen Kreuzung, mit allem, was eine Kreuzung zu bieten hat: 24-Stunden-Tanke, Fastfood-Restaurant, und ein großer Einkaufsmarkt darf auch nicht fehlen.

Während der beginnende Herbst sein regnerisches Gesicht zeigt, ich glaube, er grinst sogar dabei, stehe ich vor einem Galgen und versuche mir vorzustellen, wie ein Gerichtstreiben vor einigen hundert Jahren ausgesehen hat. So recht will es nicht gelingen, was sicherlich auch daran liegt, dass gerade ein schwerer Lastzug, etwa 10 Meter entfernt, vor einer roten Ampel ein bisschen holprig zum Stehen kommt. Womöglich bin ich auch durch den Geruch der Kläranlage benebelt, die sich 100 Meter hinter meinem Rücken befindet. Der Ort liegt genau im zusammengewachsenen Grenzgebiet zwischen dem südlichsten Darmstädter Stadtteil Eberstadt und der Gemeinde Pfungstadt, auf deren Gebiet sich der Galgen befindet.

Auf einer kleinen und unscheinbaren Bodenerhebung ragen drei steinerne Säulen in den Himmel, die einmal mit Holzbalken, natürlich aus bestem Eichenholz aus den Wäldern der Umgebung, verbunden waren.

Das heutige Bauwerk wurde 1603 errichtet und ersetzte einen hölzernen Galgen. Seit dem 14. Jahrhundert traf sich an dieser Stelle die Gerichtsbarkeit einer wechselnden Herrschaft. Jedem einzelnen Gerichtsbezirk, der mehrere Gemeinden umfasste, stand ein Zentgericht vor. Der Ort dieses Zentgerichts war weithin sichtbar, denn schließlich sollte er auch als Demonstration der Macht und der Abschreckung wahrgenommen werden. Wenn das Gericht an dieser Stelle tagte, ging es nicht nur um die Verurteilung von Verbrechen, es wurden auch allgemeine Vorgänge der Ordnung und Verwaltung umgesetzt. Wobei sicherlich zu vermuten ist, dass zumindest an den Gerichtstagen die am Galgen aufgeknüpften armen Sünder abgehängt wurden. Jedenfalls die Teile, die von ihnen übrig waren. Es war zu dieser Zeit durchaus üblich, sie länger baumeln zu lassen. Ein wenig Abschreckung für’s darbende Volk konnte nicht schaden. Raben und Krähen freuten sich über den reich gedeckten Tisch. Unsere Bezeichnung „Galgenvögel“ stammt noch aus jener Zeit, in der diese Aasfresser sich an den Leichen der Hingerichteten bedienen durften. Die Abneigung, die viele gegenüber diesen schlauen Vögeln hegen, ist sicher auch der damaligen Zeit geschuldet und hat sich wohl so in unser kollektives Gedächtnis geschlichen, bevor es bei Wikipedia ausgelagert wurde.

Namentlich ist keine Hinrichtung am „Pfungstädter Galgen“ überliefert, obwohl davon auszugehen ist, dass der Galgen auch benutzt wurde. Sicher ist hingegen, dass irgendwo am Galgenhügel die Leiche von Johann Tobias Kiefer, genannt Katzof, in der ungeweihten Erde verscharrt wurde. (Katzof ist ein Wort mit jüdisch-deutschen Sprachwurzeln und bedeutet „Metzger“. Sicher ein sehr vielversprechender Name für eine Verbrecherkarriere. Angeblich ist in einigen Gegenden des Ruhrpotts dieses Wort noch gebräuchlich).

An einem Tag im April des Jahres 1780, (ich gehe einfach mal aus dramaturgischen Gründen davon aus, dass es ein düsterer Tag war), machte sich Kiefer mit einigen Kumpanen auf den Weg, um den kaiserlichen Postwagen, der damals die Strecke von Heppenheim nach Darmstadt befuhr, zu überfallen. Aus der Armut und der Not heraus geboren, waren in diesen Tagen viele Räuberbanden unterwegs, die Straßen und Wege unsicher machten. Hier will ich nicht in eine Robin-Hood-Sozialromantik  verfallen, denn die Brutalität jener Zeit war beiden Seiten zu eigen, den Räubern ebenso wie der Obrigkeit. Der Überfall auf die Postkutsche ging gründlich schief, denn der wackere Kutscher wehrte sich mit allem, was ihm zur Verfügung stand. Kiefer konnte fliehen, aber zwei seiner Kumpane, Gundermann und Gansert, wurden erwischt. Vielleicht war der Weg zum wenige Kilometer vom Tatort entfernten Pfungstädter Galgen einigen zu weit, denn die beiden wurden an Ort und Stelle aufgehängt … und sollten auch dort hängen bleiben, bis sie von alleine herunterfielen. Angeblich hingen sie dann doch nicht so lange. Über Nacht wurden sie gestohlen und von wohlwollenden Seelen irgendwo verscharrt oder von nicht so wohlwollenden Seelen verkauft. Der entflohene Kiefer wurde nach einem weiteren Überfall, den er verübt hatte, geschnappt und der zuständigen Gerichtsbarkeit überführt. Ins Darmstädter Gefängnis („Stockhaus“) geworfen, starb er an einer Blutvergiftung. Das klingt erstmal wenig spektakulär. Allerdings wurde die Blutvergiftung durch Läusefraß hervorgerufen. Der arme Kerl war vom Ungeziefer dermaßen geplagt, dass er sich nicht mehr rühren konnte. Die Läuse hatten sogar ein Auge ausgefressen. Sein Leichnam wurde dann auf dem Schinderkarren zum Galgen gefahren, und an diesem idyllischen Ort vergraben, der vermutlich schon viel Übles gesehen hat.

Und noch immer viel Übles sieht, wenn ich bedenke, dass auch an dieser Stelle zur Halloween-Zeit Shuttle-Busse starten. Beladen mit Kevins aus aller Welt, die auf die nahegelegene Burg Frankenstein gefahren werden, damit sie sich dort gegen Barzahlung tüchtig begruseln lassen können.

Text und Abbildung: Dieter Motzel. Oktober 2013.

Boxen

"Modau in Darmstadt-Eberstadt"

Boxen

Wer in den 60er Jahren aufgewachsen ist, wird sie schon einmal gesehen haben. An strategisch gewichtigen Punkten des Wirtschaftswunderlandes Deutschland war sie zu finden. In Gaststätten zum Beispiel, oder an beliebten Ausflugszielen, an denen Kinder beschäftigt werden mussten, wenn die Wurst oder das Jäger-Schnitzel vertilgt, und noch nicht einmal ein läppischer Vorgänger des Game-Boys erfunden war. Meine stand an einem regionalen Ausflugsziel mit beigeordneter Verpflegungsstätte. Kürzlich entdeckte ich zufällig eine eBay-Versteigerung, bei der diese Kindheitserinnerung für schlappe 12.000 Dollar zu haben war. Nach einem kurzen Blick in die Portokasse entschied ich, dass mir dieses Angebot nicht zusagte. Die meisten werden schon richtig vermutet haben, es geht um die Bimbo-Box.

In jenen Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs war es durchaus nicht unüblich, mangels Alternativen per Pedes unterwegs zu sein. Glücklich jene Kinder und Jugendliche, die ausreichend Abwechslung in Schlagdistanz hatten, ohne von den Eltern berucksackt, auf etlichen erwanderten Kilometern die Schönheit der Natur ausgetrieben bekamen. Ein angenehmer Ort, um Sonntage zu verbringen, war nur jener, der in überschaubarer 2-4-Kilometer-Distanz lag. Mit dem Fahrrad unterwegs, durften es auch schon mal 3 Kilometer mehr sein. Um beispielsweise das sonntägliche Kino zu erreichen, war mit einer Wegstrecke von unter einem Kilometer zu rechnen. Insgesamt vorteilhaft und deshalb auch gerne genutzt. Es war ein Vorstadtkino jener Sorte, die man heute vergeblich sucht. Jedenfalls alles gute Gründe, um die Cowboy- und Indianerspiele in dieser fernseharmen Zeit für zwei Stunden ruhen, und sich stattdessen den neusten Karl-May-Film auf der Leinwand anrichten zu lassen. Die Kinder des Kinobesitzers waren begehrte Freundesobjekte, die schon mal einen Logenplatz sicherten, von dem aus die tönende Wochenschau aus privilegierter Position konsumiert werden konnte.

Am östlichen Rand des Stadtteils wirft der Rheingraben die ersten Wellen auf, die sanft ansteigend, langsam zu den Hügeln des Odenwaldes werden. Eine lange gerade Straße führt Stadtteil auswärts nach Osten. Erst säumten noch Häuser die Straße, dann ein Schwimmbad, Streuobstwiesen in Hanglage, bevor ein grünes Tal begann und die Straße anfing, wilde Bogen zu schlagen, um den Felsen auszuweichen, die nun das Bild bestimmten. Parallel zur Straße plätscherte ein Bach in Richtung Rhein. Heute schwimmen darin wieder Bachforellen, aber in den 60er Jahren schwamm darin nur Dreck, den die Kehrseite des Wirtschaftswunders mit sich führte. Da wir zu jener Zeit Apachen, also edle Wilde, waren, und uns längst nicht mehr aus dem Flüsschen ernährten, war dieser Umstand für uns ohne Belang. Der Dreck floss unterhalb, wenn wir in diesem Tal ankamen und unsere Pferde vor einer Gaststätte parkten, die sich an einen Hang gebaut hatte. Daneben war ein Steinbruch zu finden, wahrscheinlich guter Odenwälder-Granit, an dem man sich die Zähne ausbeißen konnte. Wir saßen in der Gartenwirtschaft vor hochaufragenden blanken Steinwänden und nuckelten an einer Bluna-Flasche. Dabei schauten wir den Ziegen und Steinböcken zu, die in den Felsen turnten. Hinter uns fletschten ein paar Löwen ihre Zähne, vielleicht gingen ihnen die südamerikanischen Tanzrhythmen auf die Nerven. Allerlei Zeugs kreuchte und fleuchte durch die Anlage, und bei einer genaueren Aufzählung versagt mein Gedächtnis. Der Gaststättenbesitzer hatte in dem alten Steinbruch ein privates Tiergehege errichtet.

Das allerphantastischste war dort aber die Bimbo-Box. Einwurf 10 Pfennig und schon legte die siebenköpfige Affenkapelle mit ihren roten Mützen los. Eine mechanische Nockensteuerung sorgte dafür, dass sich die Affen immer zum Klang der Musik bewegten. Die musikmachende Affenkapelle der Bimbo-Box wurde ab 1950 hergestellt. 15 Millionen Stück wurden produziert. Und heute, welch eine Tragik, gibt es keine 10 Pfennig-Stücke mehr.

Text und Abbildung: Dieter Motzel. 2012.

Züricher Nebel

Züricher Nebel

Die Hitze ist unerträglich. Sie krallte sich fest in dem kleinen Zimmer, drückte ihre Verwerfungen mit aller Kraft nach unten, um noch schwerer, noch belastender zu werden, als sie ohnehin schon war. Ja es erschien sogar, als ob die Zimmerdecke sich unaufhörlich in Richtung des Holzfußbodens schob, den kleinen Raum noch kleiner machend, die Schwere der Luft noch greifbarer. Der junge Mann, der mit tiefliegenden Augen an die Decke blickte, voller Angst, sie bewege sich auf ihn zu, spürte nichts von der Kälte des Februartages, der auf den Fenstern die Eisblumen zur üppigen Blüte trieb. Fieberschübe hielten ihn mit einer festen Hand umschlossen. Schweißnass verklebten blonde Locken sein Gesicht. Ein dicker zäher Schleim erschwerte sein Atmen. Es stank erbärmlich nach Blut, Fäulnis, Ammoniak und nach dem Tod. Der Arzt, der ihn an diesem Morgen aufsuchte, war überrascht, ihn noch lebend vorzufinden.

Wenn abends die Unruhe ins Zimmer tritt, hilft die Opiumtinktur ein wenig, die Ränder des Deliriums am Ausufern zu hindern. Die kolikartigen Krämpfe des Darms sind einer Apathie gewichen, die den Körper vom Kopf entfernt. Fieber bevölkert sein Bett. Das Licht einer Kerze wirft Schatten an die Wand und zuckt erschrocken davor zurück. Figuren stehen im Halbdunkel vor ihm, sitzen plötzlich auf seinem Bett. Es ist sein Kopf, der wild um sich schlägt, für einen Moment alle vertreibt, bevor sie sich im flackernden Kerzenschatten wieder zu ihm setzen. Ihn halten, drücken, umklammern, nicht loslassen wollend. Seine Kinder, erwachsen geworden und solche, die noch geboren werden wollen. Aretino schiebt sich in den Vordergrund, Woyzeck will noch einmal Aufmerksamkeit. Ein mächtiger Schatten drängt sich dazwischen, greift nach ihm mit Kettengerassel. Er hangelt sich an einem Nervenstrang bis in den Kopf der Barbe vor. Dort ist es ruhig und dunkel. Er sieht die leuchtenden Schneefelder in den Vogesen, er sieht Straßburg, sehnt sich seine Familie, seine Heimat und will an die Arbeit. Es gibt noch so viel zu tun.

„Er ist sanft eingeschlummert, ich habe ihm die Augen zu geküßt“, schreibt seine Braut Minna Jaeglé.

Am 29. Februar 1837 starb der 23 Jahre alte Georg Büchner in Zürich an den Folgen einer Typhuserkrankung. In Zürich grassierte seit 1835 eine Typhusepidemie, die zwei Jahre später wieder abklang. Es war ein Sonntag, ein heller blauer Tag.

1836 reiste Georg Büchner von seinem Zufluchtsort Straßburg ins endgültige Exil nach Zürich. Mit einer Abhandlung über das Nervensystem der Barben hat er, an der damals noch jungen Universität Zürich, zum Dr. phil. promoviert. Als Privatdozent wird er in die Fakultät aufgenommen. Ganze fünf Hörer hatten sich bei ihm eingeschrieben, von denen er meist nun einen bei seinen Vorlesungen zu Gesicht bekam.

Als der Totenschein ausgestellt war, strich die deutsche Obrigkeit das „flüchtige Individuum“ Georg Büchner aus ihrer Fahndungsliste. Die Abwehr revolutionärer Umtriebe hat bei uns Tradition. 80 Jahre später wohnte übrigens ein weiterer Revolutionär im Züricher Exil. In derselben Straße und nur durch eine Hauswand vom letzten Domizil Büchners getrennt. Lenin wartete dort auf den Beginn der Revolution.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel. Mai 2012.

Wutbürger

Wutbürger

In der Regel genügt ein Blick in die Nachrichten des Tages, um zu verstehen, warum „Wutbürger“ zum Wort des Jahres 2010 gewählt wurde. Wobei jene Dinge viel wütender machen, die in der Pressemeldung nicht erwähnt wurden, aber in einem kausalen Zusammenhang mit der erwähnten Nachricht stehen. Wut als Ausdruck der Ohnmacht ist ja nun nicht wirklich neu. Das gab es zu allen Zeiten. Einer der die Wut seiner Zeit zu artikulieren wusste, war Georg Büchner, der Schriftsteller und (na ja, ein bisschen) Naturwissenschaftler. Mit seiner sozialrevolutionären Schrift „Der Hessische Landbote“, trat er der Obrigkeit auf die Füße. Solcherart Kritik wussten die Regierenden damals ebenso wenig zu schätzen, wie heute. Studentische Proteste waren verbreitet und die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten. Wegen der Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen wurde die Justiz aktiv und viele aus diesem aufrührerischen Umfeld vernommen, inhaftiert und zum Teil zu langjährigen Kerkerstrafen verurteilt. Die ersten hessischen Wutbürger hatten es sicher nicht leicht.

Dass Büchner sich dem Gericht entziehen konnte und ihm die Flucht gelang, verdankte er auch seinem Bruder Wilhelm. Um seinem Bruder Georg Zeit zu verschaffen, erschien Wilhelm an Stelle von Georg zu einer Anhörung vor Gericht. Für sich alleine genommen, ist das schon eine wunderbare Geschichte, die noch zu schreiben oder zu zeichnen wäre. Nachdem sich Georg Büchner der Gerichtsbarkeit des Hessischen Großherzogtums durch Flucht entzogen hatte, wurde er per Steckbrief, datiert auf den 13. Juni 1835, gesucht. Büchners Flucht verlief wenig spektakulär, denn es gab wohl gut organisierte Flüchtlingstransportwege, auf denen die studentischen Revolutionäre nach Straßburg geschleust wurden, wo sie vor der heimischen Obrigkeit in Sicherheit waren. Frankreich hatte bekanntermaßen mehr Verständnis für Revolutionen. In einem Brief an seine Familie schrieb Georg Büchner, dass die Reise schnell und bequem vor sich ging. Er irrte allerdings, als er im gleichen Brief schrieb, dass er überzeugt sei, dass seiner Rückkehr in 2-3 Jahren nichts mehr im Wege stünde. Er sollte nie mehr zurückkehren und nur zwei Jahre später in Zürich sterben. Natürlich ist das alles eine sehr verkürzte Version komplexer Zusammenhänge, die damals im 19. Jahrhundert, nicht unähnlich zu heutigen Zeiten waren. Es ging um Macht, im Großen wie im Kleinen. Um die Machbarkeit von Politik, um Koalitionen und die Grundsätzlichen Fragen, was richtig und was falsch ist, was gerecht und was ungerecht ist … und vor allem für wen. Jedenfalls immer genügend Gründe, so richtig wütend zu werden, damals wie heute.

Hier unterbreche ich den Text kurz, um den gelangweilten Lesern die Möglichkeit zu geben auszusteigen, falls sie es noch nicht getan haben. Während dieser Pause werde ich mir eine „leichte Zwischenmahlzeit“ gönnen, eine Milchschnitte von Ferrero. Dass die Leute von Ferrero es einfach versäumt haben zu erwähnen, dass diese „leichte Zwischenmahlzeit“ so gehaltvoll wie ein Stück Sahnetorte ist – Schwamm drüber. Die Organisation Foodwatch hat es nachgeholt und dieses Sahnestückchen zum „goldenen Windbeutel 2011“ gekürt. Mitdenken darf man bei solchen Meldungen immer, dass sich unsere Politiker seit Jahren  ganz vehement gegen eine verbraucherfreundlichere Kennzeichnung von Lebensmitteln wehren. Allerdings ist es auch selten so lecker, ein Stück Wut verspeisen zu können, wie das erwähnte Stück Sahnetorte. Für die verbliebenen Weiterleser geht es nun weiter.

Das schmale literarische Werk, das Georg Büchner hinterlassen hat, ist allemal lesenswert.

Wenn darin bei seinen Figuren manchmal der Wahnsinn an die Tür klopft, wie z.B.: im „Woyzeck“ oder in der Erzählung „Lenz“, kann das durchaus an seiner Familie liegen. Dort gehörten die Nervenleiden zum Berufsalltag. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren in einer Nervenheilanstalt tätig. Der Vater, Ernst Büchner, verfasste auch so interessante medizinische Fachbeiträge wie: „Ein decidirter Fall von Wasserscheu als Folge des Bisses eines tollen Hundes, nebst beigefügtem Fall einer zweifelhaft gebliebenen Rabies ohne darauffolgende Wasserscheu“. (Rabies ist das Tollwutvirus). Das Philippshospital in Goddelau, wo Ernst Büchner einige Jahre als Arzt arbeitete, gilt als eines der ältesten psychiatrischen Krankenhäuser der Welt. Das Geburtshaus von Georg Büchner ist auch in dem Örtchen Goddelau zu finden und immer einen Besuch wert. In meiner Jugend war „Goddelau“ ein Synonym für geisteskrank. Manchmal führt mich mein Weg an den zahllosen älteren Gebäuden vorbei (Nein, nicht als Patient!). Man bekommt mehr als einen Eindruck davon, wie es hier im 19. Jahrhundert ausgesehen haben mag. Wie es innerhalb der Mauern dieser Nervenheilanstalt zuging, zeigt ein kleines Museum, das auf Anfrage zu besichtigen ist. Ein wahres Gruselkabinett der Menschenverwahrung, mit allen erdenklichen Folterinstrumenten, die angeblich der Heilung dienlich sein sollten. Wenn man das Museum wieder verlässt, scheint die Gesellschaft, in der wir uns bewegen, bei aller berechtigten Kritik und Wut, doch nicht die schlechteste zu sein.

Die Wutbürger brauchen wir trotzdem. Vielleicht ein paar mehr, damit unsere Gesellschaft auch weiterhin nicht die schlechteste ist und das auch so bleibt.

Text und Abbildung: Dieter Motzel. 2011.

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