Mai 2018, Darmstadt

Der Geist der Litfaßsäule.

Aus dem Stadtbild verschwinden sie immer häufiger. Trifft man noch auf eine, kommt es mir nicht selten so vor, als wäre die älteste Form der Außenwerbung vergessen worden. Die alten Werbeplakate sind halb heruntergerissen, hängen nun wie schlaffe Papierfahnen herab und erlauben mir einen Blick in die darunterliegenden Schichten der verklebten Plakatkultur. Solcherart zufällig decollagiert kann neben dem guten Geist auch das Diabolische erscheinen.

Darmstadt, Park Rosenhöhe. Karl Krolow von Prof. Thomas Duttenhöfer
Darmstadt, Park Rosenhöhe. Karl Krolow von Prof. Thomas Duttenhöfer

26. November 2015, Darmstadt

Novemberleuchten mit Karl Krolow.

„Immer hat alle Hände voll zu tun, wer seine Augen gebraucht.“

Das Zitat stammt von Karl Krolow und ist dem 1964 erschienen schmalen Suhrkamp-Bändchen „Poetisches Tagebuch“ entnommen. Gute Leselektüre allemal, aber vermutlich nur noch antiquarisch aufzutreiben. 

 

Ein paar windige Tage reichten aus, um die Bäume leer zu räumen. Sie haben sich entlaubt, und der November zeigt uns jetzt die kahlen Gerippe, die uns durch den Winter begleiten werden. Zumindest hier in Darmstadt ließ sich die Sonne meist nur hinter grauen Wolkendecken erahnen. Es ist gerade einmal ein paar Wochen her, da lief mir Karl Krolow noch vor bunten Herbstblättern ins Bild. Zu seinen Lebzeiten konnte man ihm eben dort regelmäßig auf seinen Spaziergängen begegnen. Heute ist eine solche Begegnung nicht mehr dem Zufall geschuldet. Er schreitet leicht vorgebeugt und auf einer Bodenplatte fest verankert tagein, tagaus, durch die Jahreszeiten. Im Park Rosenhöhe in Darmstadt, wenige Schritte von seiner letzten Wohnung entfernt, steht diese wunderbare Skulptur Karl Krolows. Einer seiner Nachbarn dort im Park hat diesen spazierenden Nachhall auf einen der bedeutendsten Lyriker deutscher Nachkriegsliteratur erschaffen. Wie nur wenige Bildhauer versteht es Thomas Duttenhöfer immer wieder, Wesen und Charakter der von ihm modellierten Personen ins rechte Licht zu rücken. Krolow spaziert, und ich freue mich immer darauf, ihm zu begegnen.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel

29. Oktober 2015, Darmstadt

Die norwegische Sängerin Silje Nergaard begegnete mir ein paar Mal auf Augenhöhe. Ich nahm wenig Notiz von ihr, jedenfalls, solange sie am Laternenmast hing. Seit einigen Tagen hat sie sich in ein Bodendecker-Gestrüpp vor einem Parkplatz zurückgezogen. Die Witterung hat ihr arg zugesetzt und auch Gewaltanwendung hat ihre Spuren hinterlassen. Am liebsten hätte ich sie nun mit nach Hause genommen, was allerdings aus verschiedenen praktischen Gründen nicht möglich war. So musste es genügen, einhändig die Kamera ins Ziel zu wackeln, an der anderen Hand zog ein unruhiger Hund. Der hatte wenig Interesse an der überraschenden Verfallsästhetik eines Veranstaltungsplakates.

Text und alle Abbildungen: Dieter Motzel

haushundhirsch

illustrative dinge

dieter motzel