22. Dezember 2021. Weihnachtszettel

Weihnachtszettel

Plätzchen gebacken, dabei das Universum verschoben. Sterne explodierten und Weltbilder zerbrachen. Lag wohl am Mürbeteig.

Allen Besuchern dieser Seite, allen Freunden und Bekannten wünsche ich entspannte und geruhsame Weihnachtstage und einen zuversichtlichen, neugierigen Blick auf das bald beginnende neue Jahr.

 

P.S.: Bei der vielen Wellenreiterei, die uns vermutlich noch erwartet, bitte immer daran denken, dass das Brett unter die Füße gehört und nicht vor den Kopf.

28. November 2021. Trocknende Wäsche auf Nachbars Balkon III

Trocknende Wäsche auf Nachbars Balkon.

Entdeckt und aufgeflogen kam mir in den Sinn, und anschließend noch veralbert. Hatte ich es nicht verdient? Im Zweifel immer, aber hier im Speziellen eher nicht. Hatte ich doch nur über einen längeren Zeitraum das Trocknen der Wäsche auf Nachbars Balkon in farbigen Bildern begleitet. Nun, ich war mir keiner größeren Schuld bewusst und fand daher nur wenig Verständnis dafür, mir frische Wäsche zum Trocknen zu verweigern, wie es nun schon seit Wochen geschah. Einen Spanner-Effekt, der vielleicht unterstellt werden könnte, würde ich doch gerne gegen einen dokumentarischen Moment austauschen, der eher zutreffen würde. Zumal es sich bei der Wäsche ja nicht um intime Unterwäsche handelte, sondern um Handtücher, Betttücher und allerhand andere normale Bekleidung. Bei näherer Betrachtung könnte der Umstand ausbleibender frischer Wäsche durchaus auch dem Wetter in einem sich dem Ende zuneigendem Jahr zugeschrieben werden. Außer einem großen grauen Tuch, das den Balkon, jedenfalls meine Sichtfläche darauf, wie mit ausgebreiteten Armen überspannte, wurde so gut wie nichts mehr dem Balkon zum Trocknen übergeben. Stattdessen, und das erschien mir als durchtriebene Bosheit, wurde auf einem Balkon, der ein wenig abseits meines direkten Blickes lag, all das zum Trocknen aufgehängt, was mein Skizzenbuch und damit mich erfreuen und füllen könnte. Regelmässig wurde nun dort die Wäsche zur Schau gestellt, die ich auf Nachbars Balkon direkt vor Augen seit Wochen so schmerzlich vermisste. Zu allem Überfluss, und dies bestärkte meinen Gedanken, der mich an einen bösen Scherz glauben ließ, drehte sich dort auf dem fernen und fremden Balkon ein Windrädchen in pink, offensichtlich von gleicher Art, wie auf Nachbars Balkon gegenüber! Vielleicht war es auch etwas Größeres, Hexerei oder so. Etwas, das meine Wahrnehmung spiegelte und an einen entfernteren Ort, wie eine Fata Morgana, projizierte. Auffällig drehte sich das pinke Windrädchen auf dem entfernten Balkon auf der linken Seite. Auf dem mir gegenüberliegenden Nachbarbalkon drehte es sich auf der rechten Seite. Das konnte alles kein Zufall sein, und womöglich lag schon ein Voodoo-Püppchen bereit, das nur darauf wartete, eine dicke Nadel eingestochen zu bekommen, dass es mir - nichts ahnend - am Küchentisch die Eingeweide zerreissen würde. Seitdem ich vor einigen Tagen die Zusammenhänge erkannte, jagten Gedankenschauer durch meinen Kopf. Und ich überlegte jeden Tag, an dem frische Wäsche ausblieb, wie ich die Nachbarin besänftigen könnte.

 

Skizzenbuchseiten, 2021, Dieter Motzel.

21. November 2021. Selbst, beim Rasen durch Rheinland-Pfalz

Dieter Motzel, Skizzenbuchseite 2021. 

Einer freut sich doch immer. Dieter Motzel, Skizzenbuchseite 2021.

30. September 2021. Trocknende Wäsche auf Nachbars Balkon II

Alle Abbildungen: Dieter Motzel, 2021.

29. August 2021. Gesinnung

"Glas mit Buntstiften", Mischtechnik auf Papier, Dieter Motzel.

Ein frischer Wind treibt den Herbst immer näher heran. Mürbe gewordene Blätter werden durch die Luft getragen. Einsetzender Regen drückt sie auf den Boden. Die erste Rostschicht des Jahres legt sich über das Grün. 

Das eigentlich unverfängliche Gespräch mit einer Nachbarin über das Wetter wird zum Gesinnungstest. Auf Eigensicherung bedacht, bestätige ich ihr, dass wir alle sterben müssen.

17. August 2021. Trocknende Wäsche auf Nachbars Balkon

Trocknende Wäsche auf Nachbars Balkon

Seit Tagen herrschte eine gähnende Leere auf Nachbars Balkon. Frische Winde hatten einem der pinkfarbenen Windrädchen den Garaus gemacht. Nun drehte sich nur noch eines von Beiden. In der Urlaubszeit lief Vieles nur mit halber Kraft, und ich konnte in den nächsten Tagen sicher nicht mit frischer Wäsche rechnen. Deshalb nahm ich mir die Zeit für einen Zwischenbericht. Obwohl ich ein relativ breites Interesse und eine gehörige Portion Neugier mein eigen nenne, war meine Neigung mich mit fremder Wäsche zu beschäftigen bisher sehr gering, wenn überhaupt vorhanden. Zumal ich mit dem Waschen der eigenen Schmutzwäsche genug Beschäftigung hätte. Aber gehirnerweichende Corona-Maßnahmen über einen langen Zeitraum forderten ihren Tribut und so geriet manches in den Blick, das in normalen Zeiten kaum eines Blickes würdig wäre. Zum Beispiel die trocknende Wäsche auf Nachbars Balkon, die ansonsten völlig unspektakulär war, ebenso wie der Balkon, auf dem schon seit vielen Jahren Wäsche zum Trocknen aufgehängt wurde. Wäsche in ihrer alltäglichsten Form. Es war ein Tag im April, an dem sich mein Blick darauf justierte und ein Interesse an der Wäsche von gegenüber entdeckte. Ich saß beim morgendlichen Kaffee, nebenan klapperte die Tastatur eines Rechners, Telefongespräche wurden geführt oder Videokonferenzen vorbereitet. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass diese Wäsche einer Farbpalette entsprach, die ich in meinen Bildern sehr schätzte. Auch die zufällige Anordnung der Wäschestücke, die Farbe und Form und ihr Verhältnis zueinander gefiel mir sehr. Ich fand, nach langer schwarz-weißer Tuschezeit, tatsächlich einige sehr vertrocknete Farbkästen und begann einfach damit, die Wäsche im Skizzenbuch festzuhalten. Es lag mir nichts an einer realistischen Darstellung der Wäsche. Es ging mir um dieses abstrakte Momentum der Farben und der Formen, die hinter der realen Wäsche zu finden waren. Seit diesem Tag im April wartete ich nun immer auf diesen Augenblick, an dem mir die Nachbarin ein neues Bild präsentierte. 

Anfangs, in strengeren Corona-Zeiten, war mir die Wäsche zu einem Sinnbild geworden. Ein immer währender Rhythmus, der alles bestimmte. Nur wenig veränderte sich im Stillstand der Tage, nur die Sortierung der Wäsche. Irgendwann tauchten zwei magentafarbene Windrädchen im Blumenkasten der Balkonbrüstung auf. Ich fasste dies als Zeichen des Wandels auf. Solange man sich selbst noch zu drehen vermag, wird alles gut.

Text und alle Bilder: Dieter Motzel, 2021.

4. Juli 2021. Ding

"Unscheinbares Ding", Farbstiftzeichnung, 1997, Dieter Motzel.

Hornisse war der Name, den ich suchte und der mir partout nicht einfallen wollte. Ich sagte dann einfach Ding zu ihr. Na, Ding, sprach ich sie direkt an, als sie über meinem Mittagessen schwebte. Weiße Bohnen in Tomatensoße sagten ihr wohl zu. Meine Gabel war schneller und zielstrebiger. Erster, rief ich, schließlich stehe ich als Mensch in der Entwicklungsstufe über dir, du Ding.

 

Das wunderbare am luftleeren Raum ist, dass man keinen Fallschirm braucht.

6. Juni 2021.  Objekt Trouvé

Foto: Dieter Motzel, 2021.

Zwei Häuser weiter, an der Straßenecke, liegt der verschmorte Rest eines Müllcontainers. Übrig geblieben ist nur der untere Teil, den man an eine Mauer gestellt hat. Zwei Räder, die sich nie wieder drehen werden, strecken sich dem Himmel entgegen. Halbeingeschmolzene Konservendosen sind festgebacken im grauschwarzen Kunststoff und leuchten in einem metallenen Glanz, als wären sie extra für diesen Auftritt poliert worden. Dazwischen ein strahlendes Grün. Nichts außer der Farbe ist von seiner ehemaligen Form geblieben. Die Unkenntlichkeit dieser Form verfestigt den ersten Eindruck, man sähe auf eine Farbpalette. War vielleicht Daniel Spoerri hier? Ein Alterswerk, das statt des gedeckten Esstisches ein Schmorgericht der Überflussgesellschaft als Objekt Trouvé präsentiert.

3. Juni 2021. Im festen Griff der Wissenschaft

Doppelseite aus einem Skizzenbuch, Mai 2021. Dieter Motzel.

Im festen Griff der Wissenschaft

Heute hatte der Hund eine Durchfall-Attacke und schiss in Ost-West-Ausrichtung. Ich fand dies bemerkenswert, weil Wissenschaftler entdeckten, wie verschiedene Medien mich wissen ließen, dass sich kackende Hunde vom Erdmagnetfeld beeinflussen lassen und ihren Haufen in Nord-Süd-Ausrichtung setzen. Hatte sich nun das Erdmagnetfeld verändert, oder hatte der Hund einfach nur die Orientierung verloren? Fragen über Fragen.

haushundhirsch

illustrative dinge

dieter motzel