10. November 2019. Mein Freund der Baum

Zeichnung: Dieter Motzel, 2016.

Mein Freund der Baum

Am Rande des Weges waren die Stämme von kürzlich gefällten Bäumen aufgeschichtet. Soweit ich es auf den ersten Blick sehen konnte, war kein Freund darunter. Mich befiel trotzdem ein leichtes Gruseln und eine Gänsehaut kroch über meine Arme. Ja, in etwa so, als würde ich Alexandra singen hören: „Mein Freund der Baum … ist tot … er fiel im frühen Morgenrot“. Dann kommt das Frösteln. Diesmal war es aber der feuchte Atem des Waldes, der in die Falten und Ritzen meiner Kleidung kroch und mir diesen Effekt bescherte, und nicht die Stimme Alexandras, die vergeblich versuchte, eine positive Resonanz an meinem Gehörgang zu erhalten. Ach, Alexandra, lass mich in Ruhe, ich wollte das Liedchen 1968 nicht hören, weil mich deine Stimme tüchtig begruselt hatte, und ich will es nun schon gar nicht mehr hören, weil sie das noch immer tut. Sieh es einfach positiv, vielleicht wurde ja aus deinem Freund, dem Baum, ein schönes Furnier, das die Augen nun an einer Kommode erfreuen lässt und die Ohren nicht belästigt, also verschwinde und versuche nicht in meinem Gehörgang zu bleiben.

Die Reifen schwerer Maschinen hatten dem Waldboden ihren Stempel aufgedrückt. Ein gezacktes Endlosband, das sich durch ein Vor, Zurück und Seitwärts der Reifen an vielen Stellen zu einem Knäuel verdichtete, das selbst der talentierteste indianische Spurensucher Karl Mays nicht mehr hätte entwirren können. Es blieb ein ordentlicher Morast mit gezackten Rändern zurück. Einen Teil davon konnte ich mit meinen Schuhen mit auf den Heimweg nehmen. Zu guter Letzt bekam ich noch Ärger mit einigen halbwüchsigen Bäumen. Sie bewarfen mich mit reifen Eicheln, die schon den ganzen Weg bedeckten. Nein, wir werden keine Freunde mehr, ihr Bäume. Dafür habe ich euch auch schon viel zu oft angepinkelt.

20. Oktober 2019. Schopenhauer

"Schopenhauer", Zeichnung: Dieter Motzel.

5. Oktober 2019. Weinheim

Foto: Dieter Motzel, 2019.

Weinheim

Das Wort „Berg“ erweckt in mir immer ein ungutes Gefühl, insbesondere, wenn ich unten im Tal stehe und eine Stimme von mir verlangt, den sich vor mir auftürmenden Berg zu ersteigen. Wenn es denn gelingt, kommt zumindest nach der harten Arbeit der Genuss eines Weitblickes, der im Tal gewöhnlich verwehrt bleibt. Unsere heimische Bergstraße hat aber mehr zu bieten als eine Straße unten im Tal, oben ein paar Berge und die Anstrengung, zu Fuß von unten nach oben zu gelangen. Marketing-Fuzzis, die die Bergstraße bewerben, können meist nicht widerstehen, einen Ausspruch von Kaiser Joseph II. zu zitieren: „Hier fängt Deutschland an Italien zu werden“. Das kann man so sehen, und in Anbetracht der zahlreichen Palmen und Bananenstauden, die sich in den Vorgärten der Sonne entgegenstrecken, wird schon mal auf die überaus milden klimatischen Bedingungen in der oberrheinischen Tiefebene hingewiesen. Wein gibt es hier natürlich auch. Der trennt seine Anbaugebiete an der Landesgrenze in die hessische Bergstraße und in die badische Bergstraße. An einem herrlichen Septembertag war ich in der kurpfälzischen Stadt Weinheim unterwegs und lernte, dass Kaiser Joseph II. irrte. Denn hier fängt Deutschland, an Frankreich zu werden. Der erste Bewohner mit dem ich an diesem Tag in Kontakt kam, grüßte mit einem „Bonjour“ und verabschiedete sich mit „Au revoir“. Zwischen diesen Wörtern war ein zehnminütiges Plaudern über die Hunde, die wir an den Leinen führten. Mein Gegenüber prägte das Gespräch mit seinem starken französischen Akzent. Gut, für jemanden, der weder das Französische noch den hiesigen Kurpfälzer Dialekt beherrscht, klingt beides nicht unähnlich. Siehste mal, Joseph, so kann man sich täuschen, dachte ich mir. Nix Italien, eher Frankreich. Vielleicht wollte der gute Joseph bei seinen Bergstraßen-Betrachtungen Frankreich außen vor lassen. Dort sah seine Schwester, Marie-Antoinette, den Wirren der kommenden Revolution ins Auge, bei der sie noch ihren Kopf verlieren sollte. Oder er musste, als deutsch-römischer Kaiser, seine Italiener mit ins Boot holen. Egal, ich ließ die Vergangenheit ruhen und blickte auf die ungewisse Zukunft. Die hatte 220 Höhenmeter, nannte sich Schlossberg und wollte von mir bestiegen werden. Langsam und stetig schaffte ich es tatsächlich in die hochgelegene Altstadt zu gelangen. Dort gönnte ich mir, voller Stolz, dieses beschwerliche Stück der Zukunft gemeistert zu haben, einen Freiluft-Kaffee und ein Stück Apfeltarte (klar, Frankreich). Die Tarte war mächtig, aber abwärts geht es bekanntlich leichter, wenn man wie ich Übung darin hat, sich zu einer Kugel zu formen. Vorher schaute ich mir aber noch eine der größten und ältesten Zedern in Deutschland an. Im Anschluß daran noch eine Menge anderer Exoten, denen man in Weinheim einen eigenen Wald spendiert hat. Zwischen Riesenmagnolie und Mammutbaum ist dort vieles zu finden, was man hier zu Lande sonst lange suchen muss. Wer den kleinen Schlosspark an der Altstadt durchquert, findet schon den aufsteigenden Weg zu den alten Baumexoten aus aller Herren Länder. Wer mag, kann hier eine Weile fürs Klima hüpfen, oder einfach nur posieren für Instagram. 

Es war Zufall, dass das junge Paar meinen Weg kreuzte. Routiniert setzte sich das aufgehübschte Mädel in ihrer knalligen senfgelben Jacke in Pose. Überall, wo ein nur halbwegs passables Bildmotiv im Hintergrund lauerte, saß oder stand sie davor, während ihr Begleiter mit dem Smartphone am Selfie Stick sie dirigierte. Auf meinem weiteren Weg begegnete mir das Paar praktisch überall. Wohin ich auch kam, die gelbe Jacke war schon da und blickte ins Objektiv. An diesem Tag fotografierte ich kaum. Ich hatte Angst, später am Rechner meine Bilder anzusehen und darauf die gelbe Jacke zu entdecken.

Ich dachte darüber nach, wie viel von der Welt übrigbleiben würde, wenn all das, was schon einmal fotografiert gänzlich verschwinden, und nur eine blinde Stelle oder einen weißen Fleck hinterlassen würde.

haushundhirsch

illustrative dinge

dieter motzel