15. Mai 2020. Robinienlust

Robinienlust

Irgendwann im Mai musste die Nachricht auch hierher in die beschauliche Darmstädter Provinz gelangt sein. Eine Postkutsche oder ein Depeschenreiter schaffte es fast immer in wunderlicher Weise durchzukommen. Jedenfalls schien die alte Robinie im Hinterhof endlich die Nachricht erhalten zu haben, Baum des Jahres 2020 geworden zu sein. Die Freude war so groß, dass sie sofort begann ihren Festschmuck anzulegen, der sie mit weißen Blütendolden üppig bedeckte. So viel Schönheit war schwer zu widerstehen, und ich saß ein ums andere Mal davor und konnte mich nicht satt sehen an ihrer süßlichen insektenumschwärmten Blütenpracht. In der lichten Abendsonne, die selbst den frischgrünen, gefiederten Blättern einen goldenen Anstrich gab, turnten drei Tauben durch das Geäst und pickten an den Blüten. Wenn die Tauben wüssten, dass die Blüten in Teig ausgebacken eine noch feinere Leckerei sind, hätten sie sich wohl öfter in unserer Küche blicken lassen. Zumal Tauben recht anspruchslos sein sollen, was speziell meiner Küche entgegen käme. Aber, was weiß ich schon von Tauben … und Robinien?

Nicht viel. Vielleicht ein bisschen mehr von der Robinie, die ich gut vom Sehen kenne, denn sie wächst direkt neben unserem Küchenfenster. Ihre Äste habe ich schon gezeichnet, im Winter, als sich ihre Konstruktion völlig entblättert zeigte und ein kaltes Licht harte Schatten warf. Noch viel öfter zeichnete ich sie mit den Augen. Ihre seltsame, fast groteske Aststruktur mit vielen spitzen Winkeln, von denen ich kaum Glauben mag, dass sie auf natürliche Weise wuchsen. Als hätte eine unsichtbare Kraft die Äste geknickt und gefaltet. Ein übergroßer Bonsai, der immer wieder in neuen Wegen wachsen musste, um seinem unsichtbaren Gärtner zu gefallen. Es schien doch nicht so leicht zu sein, im leeren Raum einen gangbaren Weg zu finden.

Bei einem heftigen Sturm im vergangenen Jahr wurde ein großer Ast abgebrochen. Durch ein Stück roten Stoffes, das unter dem mächtigen Ast hervorlugte, wurde kurzzeitig meine Hoffnung genährt, dass es diesmal eine mir unliebsame Person erwischt hätte, und zwar mit einem gewaltigen Bumms. Leider bewahrheitete sich meine Hoffnung nicht. Der Robinie gab ich keine Schuld, sie blieb mein alter Sehnsuchtsbaum, denn der nächste Sturm würde kommen. So sicher wie der nächste Depeschenreiter.

Als Fachmann für Alles und Nichts, mit Schwerpunkt beim Zweiten, tat ich mich immer schwer damit, ihr Alter zu bestimmen, zumal ich keine Lust auf eine genauere Recherche verspürte. Die gewöhnliche Robinie (Robinia pseudoacacia) tauchte erst vor einigen hundert Jahren aus Nordamerika kommend in Europa auf. Sie machte es sich hier schnell in Gärten und Parks behaglich. Einige der ältesten Bäume von Paris sind Robinien. Gut, Darmstadt ist nicht Paris, und meine Hinterhof Robinie sicherlich nicht Älter als 50, 60 Jahre. Jedenfalls hatte ihre bisherige Lebenszeit völlig ausgereicht, um in ihrem Stamm tiefe längsrissige Furchen zu hinterlassen. Das erfreute schon oft einen Grünspecht, der den Stamm geschickt umturnte und seine Zunge in jeder Spalte des Baumes ausrollte. Während ich dem Specht beim Essen zuschaute, verkniff ich mir jeden Gedanken daran, auch mal in die Rinde zu beissen. Außer den Blüten ist so ziemlich alles an der Robinie sehr giftig. Professionelle Giftmischer wissen das, andere, wie ich, experimentieren noch. Angeblich lässt sich aus der Fruchtschale ein stark narkotisches und berauschendes Getränk herstellen.

Während ich noch mit Mischungsverhältnissen beschäftigt war, hatte die Robinie einen Teil ihrer üppigen Blütenpracht verloren. Einige Tage Regen und Wind genügten, um die zarten Blüten wie Schnee am Fenster vorbeitreiben zu lassen. Sie lagen nun auf dem Boden wie Krümel auf einer Tischplatte, als Erinnerung an ein großartiges Buffet. 

Text/Fotos: Dieter Motzel 2020.

9. Mai 2020. Seltsame Natur

Immer wieder gibt mir die Natur ein Rätsel mit auf den Weg, das ich nicht zu lösen vermag. Auf einem Waldspaziergang entdeckte ich ein Schaf, das sich wohl im Wald verlaufen hatte und nun Zuflucht und Schutz in einem Baum fand. Armes Schaf, dachte ich im Vorbeigehen.

Einige Schritte weiter war ich dann doch froh, den treuen Schäferhund zu treffen, der das Schaf schon in den Bäumen suchte, um es zu seiner Herde zu begleiten. Widererwarten fügt sich doch manchmal alles zum Guten, sogar in der Natur.

Text/Fotos: Dieter Motzel

27. April 2020. Alles wird gut, wenn die Zahlen stimmen

"Selbst", Pastell auf Papier, 50 x 70 cm. Dieter Motzel.

Alles wird gut, wenn die Zahlen stimmen

Morgens zähle ich Vögel

Mittags zähle ich Klopapier

Abend zähle ich Fledermäuse

Nachts zähle ich Schäfchen

Dann bin ich angezählt

14. April 2020. Frühling 2 & 3

"Wildnis", Digitalprint 201?, Dieter Motzel.

Frühling 2

Weil es mich in aufgeregten Zeiten beruhigen sollte, wollte ich die Vögel singen hören. Frühmorgens, um mit ihnen den Tag zu beginnen. In der zweiten Nachthälfte wachte ich auf. Die Dämmerung war noch nicht in Sicht. Ich hörte keine Vögel und schlief wieder ein. Als ich wieder aufwachte war die Sonne längst aufgegangen, und ich hörte keine Vögel mehr. Ihr Gesang hatte sich erschöpft. Zwei Tauben liefen stumm über die Wiese.

Dann doch noch ein Krächzen, kein Gesang. Vielleicht der Nachbar. Ich werde es in der kommenden morgendlichen Dämmerung noch einmal versuchen. Ich will die Vögel singen hören.

 

Frühling 3

Es ist Brut- und Setzzeit. Ich nehme den Hund an die Leine. In der Wohnung wirkt das ein wenig übertrieben. Weil ich aber den ganzen Tag über nicht so recht wusste, wo ich mein Ei hinlegen soll, scheint mir Vorsicht geboten.

12. April 2020. Frohe Ostern

"Osterhasen", Acrylfarbe auf Papier, Dieter Motzel.

9. April 2020. Frühling 1

Foto: Dieter Motzel, 2020.

Frühling 1

Ein strahlend blauer Himmel dehnte sich viel weiter als es sonst üblich war. Die trockene Luft sorgte dafür, dass die Flugzeuge ihn nicht zerkratzen konnten. Er blieb den ganzen Tag makellos in seiner Farbe. Die Birke im Hinterhof stand in voller Blüte. Golden strahlten ihre Blütenkätzchen in der Nachmittagssonne. Ein filigraner Vorhang, der Allergikern das Leben so schwer machte. Sie schaukelten hier beschwingt und leicht im Wind vor diesem surrealen blauen Hintergrund. Irgendwann werden die grüngoldenen Würmchen zu veritablen Samenschleudern, die, durch die Luft getragen, in die kleinsten Ritzen vordringen werden. Wenn es so weit sein wird, können sie auf mir Halt finden und keimen. Ich werde dann immer noch hier sitzen, im Frühling in Corona-Zeiten, so, als wäre in der Zwischenzeit nichts passiert. Nur die Zeit hätte ausgesetzt.

Im Frühling würde ich diesen Platz nicht mehr verlassen, sähe jeden Tag, wie sich in der Dämmerung die Farben verlieren und sich die Birke in eine feine chinesische Tuschzeichnung verwandelte. Ich würde dabei so gerne den Pinsel führen.

30. März 2020. Schichten

Zeichnungen auf Transparentpapier: Dieter Motzel

24. März 2020. Von E- zu U- in vier Bildern

Text/Bild: Dieter Motzel, 2020.

21. März 2020. Frühling, isoliert

Foto: Dieter Motzel, 2020.

8. März 2020. Oh, Weltfrauentag

Zeichnung: Dieter Motzel.

28. Februar 2020. Nachricht aus einer anderen Welt

Skizzenbuchseite 27. Februar 2020, Dieter Motzel. 

25. Februar 2020. Hoffentlich bildet sich keine Warteschlange

Hoffentlich bildet sich keine Warteschlange.

Am anfälligsten für Angriffe bin ich in den frühen Morgenstunden. Aus Gründen der Körperreinigung nehme ich für etwa eine Stunde meinen Alu-Hut ab und lege damit meine Achillesferse frei. Ungefiltert strömen dann Meldungen, Nachrichten, manchmal auch nur Mutmaßungen und Gerüchte auf mich ein. Am Ende weiß ich Dinge, die ich nie wissen wollte, und damit muss man erstmal klarkommen. Zwischen Dusche (ohne Alu-Hut) und Frühstück (mit Alu-Hut) erwischte mich dieser Tage eine Mitteilung der TU Hamburg.

„Neben den All-Gender-Toiletten wird es künftig auch (Frauen Inter Nichtbinär Trans)*-Toiletten geben, die für Frauen, intergeschlechtliche-, nichtbinäre- und sich als trans identifizierende Menschen gedacht sind.“

Nach Eingang dieser Nachricht gelang mir ein persönlicher Rekord. Ich schaffte es, innerhalb von nur 1,17 Sekunden meinen Alu-Hut wieder aufzusetzen.

16. Februar 2020. Der Klassiker:

Frühlingsflausen

Vom Winde verweht

Skizzen, Öl auf Papier, ca. 30 x 40 cm, Dieter Motzel, 2019.

14. Februar 2020. Hochkonjunktur der Moral-Verkäufer

Der Renner ist momentan der Familien- und Sippen-Pranger.

19. Januar 2020. Tagwerk mit göttlichem Funken

8. Januar 2020. Beethoven marschiert ...

Beethoven marschiert, ... und die Zeit marschiert mit. Im Programmheft 2017/2018 der Kölner Philharmonie zeigte sich mein Beethoven mit Geburtstagskuchen zum 247. Drei Jahre später, zum 250., zeigt er sich noch genauso frisch. Altern ist wohl nicht so seine Sache. Gut, mein Lieber, dann setz dich ans Klavier und klimpere ein bisschen.

"Geburtstagskuchen für Beethoven", farbiger Linoldruck, 2005?, Dieter Motzel

"Erwartung", farbiger Linoldruck, 2005?, Dieter Motzel

31. Dezember 2019. Zum Jahresabschluss ...

... vier Skizzenbuchseiten mit Fontane, mehr oder weniger. Mein Vorsatz für das neue Jahr steht: Weniger mit Leuten beschäftigen, die eine an der Waffel haben, dafür mehr mit Leuten, die etwas in der Birne haben.

Allen einen guten Rutsch!

Weihnachten 2019.

Zeichnung: Dieter Motzel, 2019.

Dunstige Tage im Dezember.

Im Treppenhaus fand sich in krakeliger Kinderschrift eine dringliche Mitteilung an eine Mama: „Ich hase dich.“. Ein kluger Gedanke, die wichtige Botschaft im Haus zu hinterlassen. Bei den vorherrschenden dunstigen Tagen am Anfang des Monats reichte ein Schritt vor die Tür, um selbst die klarsten Sachverhalte nebulös verschwinden zu lassen. Himmel der Götter, wer von euch ist hier zuständig? Im Ernst, lasst mal einen von euren Götter-Bälgern, meinetwegen auch einen Halbgott, durch die Luft switchen, der diesen bedrückenden Dunst zerfetzt, in Stücke reißt und damit die Luft wieder atembarer macht. Das wäre doch mal eine machbare Aufgabe für einen dieser Nichtsnutze, die dort oben bei euch abhängen. Diesen zähen Kleister, der sich sofort daran macht, alles zu durchdringen, wieder in eine klare und durchschaubare Luft zu verwandeln. Ich leg euch auch nen Zehner auf den Götter-Altar, oder wahlweise, auch wenn es mir schwerfällt, ein Stück von meinem Schoko-Nikolaus. Tut etwas, ich glaube an euch. Bisher jedenfalls gab es für mich keinen Grund, eine gute Theorie aufzugeben, nur weil sie nicht stimmte. Macht was, sonst hase ich euch, ihr Götter. 

Die zähe Luft hat sich in den letzten Wochen in einen Frühling verwandelt, und wenige Tage vor Weihnachten simuliert ein nimmermüder blühender Gänseblümchen-Teppich Schnee auf einer Wiese. 

Die längste Nacht des Jahres liegt nun hinter uns. Es geht aufwärts und die geschenkte Zeit zwischen den Jahren ist der Wimpernschlag, den der eine und andere zum Atemholen nutzen wird. Während das neue Jahr schon fordernd mit den Hufen scharrt, ist das alte Jahr noch nicht einmal richtig verdaut. Wie jedes Jahr ging alles ziemlich schnell vorüber. 

Allen wünsche ich friedvolle Weihnachtstage und ein kunstvolles neues Jahr!

24. November 2019. Stinkwanzen-Blues

"Herbst-Blues". Foto: Dieter Motzel.

Stinkwanzen-Blues

Der Geruch meiner Finger wird durch die Kopfnote Lösungsmittel aller Art bestimmt. Dazu kommen noch verschiedene Farbgerüche, eventuell auch Spuren  von wenig geruchsneutralen Säuren. Da das ganze nicht ausgewogen abgestimmt ist, wird es gewöhnlich mit „das stinkt gewaltig“ kommentiert. Zum Glück bin ich auch im Besitz von Seifen und Laugen, die diesen Geruchseindruck für meine Mitmenschen auf ein erträgliches Maß eindämmen können. Mich persönlich stört diese olfaktorische Explosion eher wenig, habe aber Verständnis, wenn andere darüber über Schwindelgefühle klagen. 

Es gibt Situationen bei denen die beste Seife ihren sonst zuverlässigen Dienst versagt und der Duft der Finger um eine unbekannte und sehr unangenehme Note erweitert wird. Dabei meinte ich es wirklich gut mit ihr, als ich die Wanze sachte nach draußen befördern wollte. Den sonnigen Platz, den sie sich ausgesucht hatte, war für ihr weiteres Leben denkbar ungeeignet. So entschied ich es zumindest für sie. Ganz so wie es ihr Aussehen versprach, Krieger eben, ließ sie es sich nicht nehmen, ihr furchtbar stinkendes Sekret über meine Finger zu verteilen. Sehr nachhaltig begleitete der Geruch mich durch den Tag. 

So geht Stinkefinger!

10. November 2019. Mein Freund der Baum

Zeichnung: Dieter Motzel, 2016.

Mein Freund der Baum

Am Rande des Weges waren die Stämme von kürzlich gefällten Bäumen aufgeschichtet. Soweit ich es auf den ersten Blick sehen konnte, war kein Freund darunter. Mich befiel trotzdem ein leichtes Gruseln und eine Gänsehaut kroch über meine Arme. Ja, in etwa so, als würde ich Alexandra singen hören: „Mein Freund der Baum … ist tot … er fiel im frühen Morgenrot“. Dann kommt das Frösteln. Diesmal war es aber der feuchte Atem des Waldes, der in die Falten und Ritzen meiner Kleidung kroch und mir diesen Effekt bescherte, und nicht die Stimme Alexandras, die vergeblich versuchte, eine positive Resonanz an meinem Gehörgang zu erhalten. Ach, Alexandra, lass mich in Ruhe, ich wollte das Liedchen 1968 nicht hören, weil mich deine Stimme tüchtig begruselt hatte, und ich will es nun schon gar nicht mehr hören, weil sie das noch immer tut. Sieh es einfach positiv, vielleicht wurde ja aus deinem Freund, dem Baum, ein schönes Furnier, das die Augen nun an einer Kommode erfreuen lässt und die Ohren nicht belästigt, also verschwinde und versuche nicht in meinem Gehörgang zu bleiben.

Die Reifen schwerer Maschinen hatten dem Waldboden ihren Stempel aufgedrückt. Ein gezacktes Endlosband, das sich durch ein Vor, Zurück und Seitwärts der Reifen an vielen Stellen zu einem Knäuel verdichtete, das selbst der talentierteste indianische Spurensucher Karl Mays nicht mehr hätte entwirren können. Es blieb ein ordentlicher Morast mit gezackten Rändern zurück. Einen Teil davon konnte ich mit meinen Schuhen mit auf den Heimweg nehmen. Zu guter Letzt bekam ich noch Ärger mit einigen halbwüchsigen Bäumen. Sie bewarfen mich mit reifen Eicheln, die schon den ganzen Weg bedeckten. Nein, wir werden keine Freunde mehr, ihr Bäume. Dafür habe ich euch auch schon viel zu oft angepinkelt.

20. Oktober 2019. Schopenhauer

"Schopenhauer", Zeichnung: Dieter Motzel.

5. Oktober 2019. Weinheim

Foto: Dieter Motzel, 2019.

Weinheim

Das Wort „Berg“ erweckt in mir immer ein ungutes Gefühl, insbesondere, wenn ich unten im Tal stehe und eine Stimme von mir verlangt, den sich vor mir auftürmenden Berg zu ersteigen. Wenn es denn gelingt, kommt zumindest nach der harten Arbeit der Genuss eines Weitblickes, der im Tal gewöhnlich verwehrt bleibt. Unsere heimische Bergstraße hat aber mehr zu bieten als eine Straße unten im Tal, oben ein paar Berge und die Anstrengung, zu Fuß von unten nach oben zu gelangen. Marketing-Fuzzis, die die Bergstraße bewerben, können meist nicht widerstehen, einen Ausspruch von Kaiser Joseph II. zu zitieren: „Hier fängt Deutschland an Italien zu werden“. Das kann man so sehen, und in Anbetracht der zahlreichen Palmen und Bananenstauden, die sich in den Vorgärten der Sonne entgegenstrecken, wird schon mal auf die überaus milden klimatischen Bedingungen in der oberrheinischen Tiefebene hingewiesen. Wein gibt es hier natürlich auch. Der trennt seine Anbaugebiete an der Landesgrenze in die hessische Bergstraße und in die badische Bergstraße. An einem herrlichen Septembertag war ich in der kurpfälzischen Stadt Weinheim unterwegs und lernte, dass Kaiser Joseph II. irrte. Denn hier fängt Deutschland, an Frankreich zu werden. Der erste Bewohner mit dem ich an diesem Tag in Kontakt kam, grüßte mit einem „Bonjour“ und verabschiedete sich mit „Au revoir“. Zwischen diesen Wörtern war ein zehnminütiges Plaudern über die Hunde, die wir an den Leinen führten. Mein Gegenüber prägte das Gespräch mit seinem starken französischen Akzent. Gut, für jemanden, der weder das Französische noch den hiesigen Kurpfälzer Dialekt beherrscht, klingt beides nicht unähnlich. Siehste mal, Joseph, so kann man sich täuschen, dachte ich mir. Nix Italien, eher Frankreich. Vielleicht wollte der gute Joseph bei seinen Bergstraßen-Betrachtungen Frankreich außen vor lassen. Dort sah seine Schwester, Marie-Antoinette, den Wirren der kommenden Revolution ins Auge, bei der sie noch ihren Kopf verlieren sollte. Oder er musste, als deutsch-römischer Kaiser, seine Italiener mit ins Boot holen. Egal, ich ließ die Vergangenheit ruhen und blickte auf die ungewisse Zukunft. Die hatte 220 Höhenmeter, nannte sich Schlossberg und wollte von mir bestiegen werden. Langsam und stetig schaffte ich es tatsächlich in die hochgelegene Altstadt zu gelangen. Dort gönnte ich mir, voller Stolz, dieses beschwerliche Stück der Zukunft gemeistert zu haben, einen Freiluft-Kaffee und ein Stück Apfeltarte (klar, Frankreich). Die Tarte war mächtig, aber abwärts geht es bekanntlich leichter, wenn man wie ich Übung darin hat, sich zu einer Kugel zu formen. Vorher schaute ich mir aber noch eine der größten und ältesten Zedern in Deutschland an. Im Anschluß daran noch eine Menge anderer Exoten, denen man in Weinheim einen eigenen Wald spendiert hat. Zwischen Riesenmagnolie und Mammutbaum ist dort vieles zu finden, was man hier zu Lande sonst lange suchen muss. Wer den kleinen Schlosspark an der Altstadt durchquert, findet schon den aufsteigenden Weg zu den alten Baumexoten aus aller Herren Länder. Wer mag, kann hier eine Weile fürs Klima hüpfen, oder einfach nur posieren für Instagram. 

Es war Zufall, dass das junge Paar meinen Weg kreuzte. Routiniert setzte sich das aufgehübschte Mädel in ihrer knalligen senfgelben Jacke in Pose. Überall, wo ein nur halbwegs passables Bildmotiv im Hintergrund lauerte, saß oder stand sie davor, während ihr Begleiter mit dem Smartphone am Selfie Stick sie dirigierte. Auf meinem weiteren Weg begegnete mir das Paar praktisch überall. Wohin ich auch kam, die gelbe Jacke war schon da und blickte ins Objektiv. An diesem Tag fotografierte ich kaum. Ich hatte Angst, später am Rechner meine Bilder anzusehen und darauf die gelbe Jacke zu entdecken.

Ich dachte darüber nach, wie viel von der Welt übrigbleiben würde, wenn all das, was schon einmal fotografiert gänzlich verschwinden, und nur eine blinde Stelle oder einen weißen Fleck hinterlassen würde.

haushundhirsch

illustrative dinge

dieter motzel