12. September 2020. Naturstück

Alle Zeichnungen: Dieter Motzel

13. August 2020. Sommer, Sonne, Sand und Stahlhelm

Sommer, Sonne, Sand und Stahlhelm

Er war ein großer hagerer Mann, sagt mir meine Erinnerung. Aber meine Kindheit liegt lange zurück, und ich kann nicht mehr genau sagen, welches Bein er nachzog. Er wohnte in der Nachbarschaft und war ein Waldarbeiter. Das nachgezogene Bein, die Folge eines Unfalls, wie er damals wohl nicht so selten war. Es konnte eben passieren, so wie Unfälle immer geschehen können: Mann fällt vom Baum oder Mann wird vom gefällten Baum gefällt. Erkannte man nicht auch oft den Zimmermann oder Tischler daran, dass ihnen irgendein Teil an der Hand fehlte? Ich erinnere mich noch an Steigeisen, die er mit zur Arbeit nahm. Diese exotisch und gefährlich aussehenden Metallteile mit ihren Lederriemen. Der Überschuh musste vertrauensvoll fest sitzen, bevor die halbrund geschwungenen Eisen mit ihren scharfen Zacken den Baum in die Zange nehmen konnten. Eine schweißtreibende Steigarbeit, während der Baum mit metallenen Krallen umarmt wurde. 

Heute heißen Waldarbeiter Harvester oder Holzvollernter und sind von staunenswerter Effektivität. Ich weiß nicht, ob sich der Mann, der auf einem solchen Gerät in seinem Gitterkäfig sitzt und alle Hebel in Bewegung setzt, noch Waldarbeiter nennt. Wohl eher Maschinenführer, der in den heimischen Waldplantagen arbeitet. Die Ergebnisse der maschinellen Präzisionsarbeit sind an den breiten Waldwegen gestapelt. Dort türmt sich Stamm auf Stamm in exakt gleicher Länge in die Höhe und wartet auf die Abholung. Die Schneisen, die der Harvester mit seinen breiten Reifen durchs Unterholz gezogen hat, werden noch lange zu sehen sein. Das liegengebliebene Kleinholz bleibt wohl auch da, wo es ist. 

Bei den Nachkriegsgenerationen war der Wald in dieser Hinsicht viel aufgeräumter. Da wurde noch alles verheizt, was zu finden war. Ich sehe mich noch als Pimpf mit schlotternden Gliedmaßen im eiskalten Zimmer stehen, um Holzscheite zu entzünden. Später dann, und das war ein Fortschritt, musste nur noch Heizöl nachgeschüttet und nicht mehr mit schwarzen Kohleneimern hantiert werden. 

Auf meinem sandigen Weg liegen Dannegiggel in rauen Mengen. Ich müsste sie nur Aufsammeln und hätte ein gutes Anbrennmaterial für ein Lagerfeuer in meiner gud Stubb. Die knistern und knacken beim Verbrennen, dass es eine wahre Freude ist. Kleine Feuerwerkskörper mit schönem Funkenflug. Die Idee mit dem Lagerfeuer in meiner guten Stube verwerfe ich für den Moment, ich werde sie im Winter wieder hervorkramen. Die Dannegiggel oder Dannebbel, die man hier findet, sind gar keine Tannenzapfen, wie der hessische Volksmund übersetzen würde. Es sind Kiefernzapfen. Die Bäume zu den Zapfen sind reichlich zu finden, weil sie mit dem vorherrschenden kargen Sandboden zurecht kommen. Die schlanken Stämme haben auf alle überflüssigen seitlichen Äste verzichtet und nur ihre Kronen ans Licht gebracht, die sich immergrün der Sonne entgegenstrecken. Dort oben gibt es keine Konkurrenz mehr ums Licht, um das sich die tieferen Bäume balgen müssen. 

Die Samen der „Darmstädter Kiefer“ waren einmal ein weltweit begehrter Artikel. Seit dem 17./18. Jahrhundert wurde hier mit Kiefernsamen gedealt. Einige der damals entstandenen Unternehmen existieren noch heute und handeln immer noch mit Sämereien.

Das Zapfensammeln war ein gefährliches Handwerk. Um an die Samen zu kommen, reichte es nicht aus, sie vom Boden aufzuklauben. Die Kiefernzapfen, die am Boden lagen waren meist unbrauchbar. Sie hatten sich schon vorher geöffnet und ihren Samen verteilt. Am Boden lag nur die leere Hülle. Um an die Samen zu kommen, musste man schon hoch in die Bäume und dabei natürlich aufpassen, nicht auf den Kopf zu fallen. Die Wagemutigsten der Kletterkünstler, so wurde kolportiert, brachten, wenn sie denn mal oben waren, die Bäume zum Schwingen und sprangen von Baum zu Baum. Das klappte wohl nicht immer.

Wenn ich auf solchen Wegen unterwegs bin, drängt mich immer etwas dazu, einen oder auch mehrer Zapfen aufzuheben und auf die Qualität als Zeichenobjekt zu begutachten. Der nächste Schritt, sie auch in die Hosentasche zu stopfen, bleibt in der Regel aus. Ich habe sie in der Vergangenheit schon oft gezeichnet und radiert, nun ist die Luft raus und ich habe anderes zu tun bei knapper werdender Zeit. Eine Assoziation wird beim Betrachten der Kiefernzapfen aber fast immer von den hintersten Erinnerungsecken meines Gehirns nach vorne gespült: Ich sehe ein Bild von Andrew Wyeth vor mir, oder besser meine Erinnerung, die ich daran habe. Ich sehe die Äste eines kleinen Kiefernwäldchens. Ich glaube fast, dass Meer ist zu erahnen. So genau weiß ich es nicht mehr, aber ich will es glauben, weil ich mich auch an genau solche Kiefernwäldchen erinnere, die ich im Sommer durchlaufen habe, um an einen Strand zu kommen, ja, und die Zapfen knisterten und knackten in der Hitze. In dem Bild von Wyeth, dessen vermeintliche Erinnerung ich vor mir sehe, ist der sandige Boden bedeckt mit Kiefernzapfen. Ein deutscher Stahlhelm liegt umgedreht im Sand und ist gefüllt mit Kiefernzapfen. Den Rest meines Weges mache ich mir Gedanken darüber, wie ein deutscher Stahlhelm aus dem Zweiten Weltkrieg in ein Kiefernwäldchen an der amerikanischen Ostküste kam. Meist gibt es ja für alles eine einfache und logische Erklärung. Ich sehe die Sache so: Ein Darmstädter Zapfenpflücker in den Nachkriegsjahren, der aus Sicherheitsgründen seinen Stahlhelm, der bei Kriegsende noch in seinem Besitz war, bei seiner gefährlichen Arbeit hoch in den Kiefern trug, fuhr nach getanem Tagwerk mit seinem Fahrrad wegen eines Rendezvous an den nahen Rhein. Die Dame, die er zu Treffen gedachte, war aber unpässlich, und der Zapfenpflücker legte sich eine Weile enttäuscht und erschöpft an den Rhein und schlief voller Gram ein. Durch eine plötzlich eintretende Hochwassersituation wurde der Stahlhelm, der neben ihm lag, mit dem ansteigenden Fluss fortgespült. Einige Tage später kam der Stahlhelm am offenen Meer an und beschloss, einfach weiter zu schippern. Sehr viele Tage später traf er wieder auf Land und wurde an einem Strand in Maine im Nordosten der USA von einem alten Mann gefunden und in Besitz genommen. Einige Wochen lag er nun unbeachtet auf seiner Vitrine im Wohnzimmer, bis die Nichte des alten Mannes zu Besuch vorbei kam. Sie zeigte sich so begeistert von dem stabilen Körbchen, das sogar einen Tragriemen hatte, dass ihr Onkel nicht umhin kam, es ihr zu schenken. Am nächsten Tag ging sie mit ihrem neuen Körbchen im Arm zu einem kleinen Kiefernwäldchen ganz in der Nähe des Strandes, um Kiefernzapfen zu sammeln. Einmal musste sie sich kurz verstecken, um nicht von dem dämlichen Deutschen gesehen zu werden, der seit Tagen vergeblich versuchte, durch das kleine Kiefernwäldchen an den Strand zu gelangen. Schnell hatte sie ihr Körbchen gefüllt und freute sich schon auf ihr abendliches Lagerfeuer in der guten Stube, auf das Knistern und Knacken der Kiefernzapfen im Feuer und auf ihre kleinen Explosionen, und wenn dann die Funken durchs Zimmer flogen, war sie mit der Welt und sich im Reinen.

Irgendwo zwischen der Stelle, an der das Körbchen gefüllt war und dem Zeitpunkt als das Haus abbrannte, muss Andrew Wyeth aufgetaucht sein, um seine Skizzen zu machen. So kam der Stahlhelm eines Darmstädter Zapfenpflückers auf das Bild eines der bekanntesten realistischen Maler der USA. 

Hach, Kunstgeschichte ist schon geil.

Alle Abbildungen: Dieter Motzel

6. August 2020. Die kleinen italienischen Momente

"Abreise", Aquarell, Dieter Motzel, 2009.

Die kleinen italienischen Momente

Samstagmorgen an einer Tankstelle. Beim Aussteigen aus dem Franzosen-Auto wurde ich abschätzend gemustert. Eher beiläufig, und keinesfalls aufdringlich oder aggressiv. Nachdem auf den ersten Blick schon feststellbar war, dass ich nicht mal in die Nähe von so etwas kam, das meine Beobachter als Augenhöhe bezeichnen würden, durfte ich Luft werden. Ich war zwar irgendwie vorhanden, aber man musste mir keinerlei Aufmerksamkeit mehr zukommen lassen. Klar, ich war ein Klischee, wie man es tausendfach an einem Samstagmorgen in Deutschland zu sehen bekommt. Ein furchtbar schlecht gekleideter Mensch. Verwaschene Jeans, verlottertes T-Shirt und ausgetretene Latschen an den Füßen. Mein Auftritt war unterhalb der Schwelle des zivilisierten Menschseins.

Meine zwei Beobachter, die mich nun schon längst übersahen, standen an der geöffneten Tür einer blitzsauberen Limousine, eines roten Alfa Romeo Giulia. Sie rauchten lässig ihre Zigaretten, und es störte sie nicht im geringsten, dass die Zapfsäulen der Tankstelle in Streichholz-Wurfdistanz waren. Gekleidet in Freizeit-Anzügen der besten Art, und damit meine ich keinesfalls normale Trainings- oder gar Jogging-Anzüge. Adrett und gebügelt bis in die kleinste versteckte Falte, so dass ich mich fragte, ob Alfa jetzt serienmäßig mit eingebautem Bügeleisen liefert. Über das kleine Vermögen, das sie ihre Schuhe vermutlich gekostet hatten, spekulierte ich lieber nicht. Es war eine sehenswerte Demonstration italienischer Eleganz und zwar bis ins kleinste Detail. Bei ihrer Abfahrt mit geöffneten Fenstern und lässig aufgelegten Armen war klar, dass nun eine Spazierfahrt durch die Innenstadt begann, die ganz ohne Eile in einer Espresso-Bar enden würde. Ich denke, die deutschen Steuermilliarden, die demnächst nach Italien fließen, werden dort ganz sicher sehr viel eleganter genutzt, als wir es hier tun würden.

25. Juli 2020. Sommer, Sonne, Sand und Schnüffler

Kleine Wolke verfolgt mich. Foto: Dieter Motzel, 2020.

Sommer, Sonne, Sand und Schnüffler

Die Wege sind mit dem Lineal gezogen. Ein Gitterwerk, das sich über diesen Wald gelegt und ihn eingehegt hat. Kerzengerade Wege und nur selten trifft man auf ein Ende, bei dem der Spaziergänger sich für einen Richtungswechsel entscheiden muss. Aber ganz gleich, ob er links oder nach rechtsabbiegend weitergehen wird, er stößt wieder auf einen geraden Weg, der nicht die geringste Biegung toleriert. Die Waldwirtschaft erlaubt keine Arabesken. Der Versuch im Kreis zu laufen ist vergeblich und das Ergebnis wird immer rechtwinklig sein. Noch seltener eröffnet ein Trampelpfad die Möglichkeit das Geviert zu durchbrechen. Kein düsterer Wald, in dem man sich verlaufen kann. Eher verheddert man sich im Licht- und Schattengeflecht, das die Sonne und die Bäume auf die Wege werfen. Wer darüber stolpern sollte, den fängt der feinsandige Boden der Wege weich auf. Oder die struppigen sonnenverdorrten Gräser, die die Wege umsäumen, bevor der Bewuchs dichter wird. Blöd, wenn der Unachtsame, der über seinen Schatten stolpert, eine Berberitze erwischt, die hier auch schon mal zwischen Ginsterbüschen den Weg begrenzen. Es gäbe ein stachliges Erwachen aus jeder Tagträumerei. Der Spaziergänger sollte seine Nase lieber in den „blauen Heinrich“ stecken, der sich auf einer Sonneninsel vor hohen Kiefernstämmen in Eintracht mit der Karthäusernelke ausgebreitet hat. Er, der „gewöhnliche Natternkopf“ hat sehr viele Trivialnamen auf sich versammelt. Eigentlich erstaunlich, als ob Natternkopf nicht schon seltsam genug wäre. Der Sinnsucher muss schon sehr tief in den Volksmund eintauchen und sich seine eigenen Gedanken darüber machen, was Namen wie „Frauenkrieg“ oder „Eisenhart“ mit dieser Pflanze gemein haben könnten. Er darf allerdings sicher sein, dass seine Nase nicht die Einzige ist, die in den blauen Blüten steckt. Der Natternkopf ist als Bienenweide bekannt und zahlreiche Rüssel entrollen sich an den Blüten.

 

"Otto Marseus van Schrieck", Zeichnung in Skizzenbuch, Dieter Motzel, 2020.

Der Schnüffler, so könnte der uninspirierte Name eines Krimis lauten. Es ist auch der Spitzname des Malers Otto Marseus van Schrieck, den er schon zu seinen Lebzeiten im 17.Jahrhundert bekommen hat. Er ist einer der zahlreichen Maler, die das goldene Zeitalter der holländischen Malerei geprägt haben, und einer der Interessantesten, zumindest für mich. Und seine Nase steckt immer ganz tief in den kleinen Universen, die der Waldboden zu offenbaren hat. Mit seinen Waldstilleben (Sottobusco) hat er sogar ein eigenes Genre in der Malerei begründet. Seine Bilder sind wie zweidimensionale Schaukästen, die unsere Nasen tief auf den Boden ziehen. Der Betrachter geht nicht in diesen Bildern spazieren, er kriecht darin herum zwischen stachligen Distelblättern und Pilzen auf feuchtem Moos. Ein unwirkliches Licht ist extra für uns erfunden worden, denn über diesem Ort gibt es keinen Himmel und keine Sonne. Alles Lebende und alles Verwesende leuchtet aus sich heraus. Obwohl der Mensch nur als außenstehender Betrachter auf dieses Schaukasten-Universum blickt, kann er doch sicher sein: wenn er hineinkriecht ist er nicht allein. Aber nicht jeder bevorzugt die Gesellschaft von Schlangen, Kröten und Echsen aller Art. Die Nase in den feuchten Boden gedrückt, scheinen die Schmetterlinge in höheren Etagen unerreichbar. Sie sind aber ein Teil der Geschehnisse, die sich als Drama des Daseins darstellen.

 

Zeichnung nach Motiven von Otto Marseus van Schrieck in Skizzenbuch, Dieter Motzel, 2020.

Der „Natternkopf“ am heimischen Wegesrand gehört nun nicht zu den typischen Pflanzen in der Motivwelt von Otto Marseus van Schrieck. Ein Natternkopf aber schon, der sich im halbdunkel heranschlängelt, um nach einem Falter zu schnappen. Meist sehen wir diesen Moment, wenn dem Jäger schon das Wasser im geöffneten Maul zusammenläuft. Seine Beute ist fest fixiert und noch gänzlich ahnungslos, und als aufmerksamer Betrachter wissen wir, es geht um Leben und Tod, und zwar für beide. Das geschickte Beutetier wird länger Leben und sich erfolgreich vermehren können, der ungeschickte Jäger wird verhungern müssen. Die Gesetze der Natur sind nun einmal unbarmherzig. Der Maler läßt uns im Ungewissen, ob das geöffnete Natternmaul erfolgreich sein wird, oder ob ein unerwarteter Flügelschlag den Schmetterling noch rettet. Da dieser unentschiedene Moment schon seit einigen hundert Jahren andauert, krieche ich wieder heraus aus diesem Schaukasten feinster Malerei auf meinen sandigen Weg.

Zeichnung nach Motiven von Otto Marseus van Schrieck in Skizzenbuch, Dieter Motzel, 2020.

Den Schmetterlingen im „Gewöhnlichen Natternkopf“ droht keine Gefahr, kein Jäger ist zu sehen. Sie passen auch nicht so recht in mein Beuteschema. Pures Glück hat dagegen die kleine blauflüglige Ödlandschrecke, dass ich sie mit meinen Schuhen nicht noch tiefer in den feinen Sandboden drücke. Was man nicht sieht, ist auch nicht vorhanden. Wir schauen uns eine Weile an, bevor sie im Sprung ihre leuchtenden blauen Flügel öffnet und in ein neues Bild fliegt, in dem ich keine Rolle spiele.

Zeichnung nach Motiven von Otto Marseus van Schrieck in Skizzenbuch, Dieter Motzel, 2020.

19. Juli 2020. Nachricht aus einer anderen Welt

Zeichnung: Dieter Motzel, 2019.

Nachricht aus einer anderen Welt

Die Schlagzeile eines Artikels in einer Frankfurter Zeitung traf mich am frühen morgen unvorbereitet und sehr heftig: „Stell dir vor, es ist Pandemie und du bist trans“. Mit dieser großartigen Headline drückte die Journalistin ihren salzigen Finger in eine klaffende Wunde unserer Gesellschaft. Um meine Spannung für den Tag hochzuhalten las ich den Artikel nicht. Zumal ich in der Nacht einen Traum hatte: Stellt euch vor, ihr wacht auf und habt kein funktionierendes Gehirn mehr, und es würde sich kein bisschen verändert anfühlen.

8. Juli 2020. Schachkränzchen mit Tolstoi

"Picknick der Revolutionäre", Mischtechnik auf Papier, Dieter Motzel, 2019.

Schachkränzchen mit Tolstoi, Kaffee gibt es dann draußen.

Auf einer alten Fotografie kann man Tolstoi beim Schachspielen zusehen. Als Betrachter sehe ich ihn in seitlicher Rückenansicht ganz so, wie sich mein Bild von ihm ins Gedächtnis eingeprägt hat. Sein lichtes zerzaustes Haar mit einem Rauschebart, der jedem Weihnachtsmann zur Ehre gereicht hätte. Natürlich trägt er seinen Bauernkittel, einen Kosovorotka, wie man ihn von vielen Abbildungen kennt. Er sitzt, seine Hände übereinander gelegt, vor einem Schachspiel, und ich denke: Herrjeh, der sitzt vor dem falschen Spiel, was ließe sich wohl alles an Spielkarten in seinem Bart unerkannt verstecken? Das letzte Ass wäre vielleicht erst nach seinem Tod entdeckt worden, oder er hätte es auf seinem Landgut Jasnaja Poljana mit ins Grab genommen. Aber er spielte ja Schach, da macht es wenig Sinn, ein Ass im Bart zu verstecken. So ist das, die Russen spielen Schach, die Amerikaner pokern, und wir Deutschen haben keine Zeit zum Spielen, wir müssen schließlich die Welt retten.

Es scheint eine Familienaufstellung zu sein, die sich vor der schmucklosen weißen Wand des Zimmers versammelt hat. Das Schachbrett nimmt fast die gesamte Fläche des kleinen runden Tisches ein. Den Sonntagnachmittagskaffee gibts dann draußen, nehme ich an. Noch sind alle in das Spiel vertieft, das schon ein wenig fortgeschritten ist. Tolstoi sitzt vor den schwarzen Figuren, und der Spieler mit den weißen Figuren ist sein Schwiegersohn. Drei Männer, drei Frauen und zwei Kinder reihen sich als Zuschauer links und rechts neben dem Schwiegersohn auf. Darunter auch zwei Söhne Tolstois. Alle sitzen Tolstoi gegenüber. Vielleicht hat der Fotograf sie absichtlich so platziert, damit alle ins Bild schauen können, gut erkennbar für die späteren Betrachter der Fotografie. Könnte auch sein, dass der Alte seine Familie im Blick behalten wollte. Die schauen aber ganz gebannt auf das Spiel, das noch von der Eröffnung durch Bauern und Springer dominiert wird. Der ein oder andere wird wohl gedacht haben: Macht hinne, draußen scheint die Sonne und der Kaffee wartet. Der geflochtene Sonnenhut, den einer der Söhne Tolstois nicht aus der Hand legt, spricht jedenfalls dafür. Der einzelne Bauer, der bisher als geschlagene Figur am Rande des Spieltisches steht, spricht eine andere Sprache und sagt: Das dauert noch.

"Picknick der Revolutionäre", Mischtechnik auf Papier, Dieter Motzel, 2019.

5. Juli 2020. Nachricht aus einer anderen Welt

Zeichnung: Dieter Motzel.

Nachricht aus einer anderen Welt

Bei Tageslicht fehlte mir einfach der Mut dazu. Ich wartete geduldig auf den Schutz der Dunkelheit, zündete eine Kerze auf dem Arbeitstisch an und begann mit meiner subversiven Tätigkeit. Ich wollte Bismarck zeichnen. Noch bevor sämtliche Denkmäler gestürzt und alle Abbildungen verbrannt sein würden. Nervös setzte mein Bleistift die Striche. Immer wieder blickte ich über meine Schulter, damit sich kein bilderstürmender Zombie heimlich anschleichen konnte, um mir die Zeichnung auszuradieren, oder womöglich sogar zu verbrennen. Klammheimlich träumte ich davon, dass in einigen Jahren das einzig erhaltene Bismarck-Portrait in meinem Skizzenbuch zu finden sein würde.

1. Juli 2020. Leider sterben auch Unsterbliche

RIP Milton Glaser, 26.6.1929 - 26.6.2020. Zeichnung: Dieter Motzel

Leider sterben auch Unsterbliche

Ein letztes Lächeln und ein Augenzwinkern vielleicht. Der amerikanische Graphikdesigner und Illustrator Milton Glaser starb am 26.6.2020, genau 91 Jahre nach seinem Geburtstag am 26.6.1929. Aber die „Unsterblichen“ sterben ja nie ganz. Für mich war er in den 70/80er Jahren einer meiner amerikanischen Design-Heroes. Hat er doch auch das Logo von DC-Comics gestaltet, die haben schließlich Erfahrung mit Helden und einige von denen unter Vertrag. 

Selbst diejenigen, die ihn nicht kennen, kennen ihn, denn er hat eines der weltweit bekanntesten Logos entworfen. Es wurde so oft kopiert und persifliert, dass es für mich als kleinem Grafiker schon zum Fremdschämen war. Weil aber jeder das Original kannte, wurde auch den schlechtesten Plagiaten großzügig vergeben, zumindest hatte ich immer diesen Eindruck. Schwamm drüber, an das geniale Original reichte eben nichts heran. 

Das 1973 entstandene „I love New York“ kennt nun wirklich jeder. Drei Buchstaben, gesetzt in einer halbfetten American Typewriter plus einem roten Herz. Man muss es nicht mehr abbilden, um ein Bild vor Augen zu haben, und besser geht nunmal nicht.

27. Juni 2020. Nachricht aus einer anderen Welt

Nachricht aus einer anderen Welt

Das Glas Rotwein als Begleitung zum Mittagessen war zwar lecker, verantwortete aber dumpfe Aufschläge in einigen Gehirnregionen. Andererseits sorgte die örtliche Betäubung dafür, dass ich mich unbedarft dem sehr wichtigen Thema widmen konnte, dem ich mich sonst nur mit meinem Aluhut genähert hätte. 

Bei diesem erwähnten Mittagessen erfuhr ich aus zuverlässiger Quelle, dass Bill Gates seit geraumer Zeit versucht, die Menschheit mit Chips fernzusteuern. Wie er das technisch im Einzelnen umsetzen will, weiß ich auch nicht. Selbstverständlich werde ich ab sofort keine Chips mehr essen, vor Bill Gates mag ich nicht in die Knie gehen müssen. Für mich steht jetzt fest, dass er ein Reptiloide ist. Weshalb sollte er sonst die Herrschaft über Milliarden Idioten anstreben? Manche dieser Reptiloiden sind ja schon mit der Steuerung über ein paar Millionen völlig überfordert, und überhaupt, so scheint es mir, ist in einem Reptilienhirn viel Platz für das große Nichts. Gerade diese Sache mit den Chips ist nicht wirklich gut durchdacht. Meines Erachtens dauert es viel zu lange, bis die Chips ihre volle Wirkung entfalten. Und dann sitzt die Menschheit fett, übergewichtig und träge auf dem Sofa, und wer, bitteschön, soll die dann noch mit der Fernsteuerung bewegen? Da könnte jemand noch so sehr an der Fernsteuerung rumdäumeln, da bewegt sich nichts mehr, die sind quasi alle offline. Die schaffen es noch nicht mal zum nächsten Lift. Bill Gates ist auf dem Holzweg mit seinen Chips. Aber das war ja schon bei Microsoft so.

Text und Zeichnungen: Dieter Motzel, 2020.

20. Juni 2020. Freudscher Fehler

Freud mit Nietzsche-Bart. Skizzenbuchseiten, Februar 2020. Dieter Motzel.

10. Juni 2020. Butterblumen säumten seinen Weg, anderes auch

Butterblumen säumten seinen Weg. So steht das in meinem Skizzenbuch, weshalb, hhm, ich fand die Worte wohl für irgendwas gut … hatte nicht Clint Eastwood gerade seinen Neunzigsten gefeiert? Rundherum finden sich auf den Seiten des Skizzenbuches noch mehr Worte, Sätze, die mich, wenn ich sie Monate später wieder lese, oft genug verwirren. Man muss sich das so vorstellen: In Corona-Zeiten sitze ich zwischen meinen Klopapier-Vorräten und einigen Leerstellen, hoffe dringlich, dass die Spülung, die in letzter Zeit merkwürdig ächzt, weiterhin zuverlässig ihren Dienst verrichtet. Zwischendurch schaue ich aus dem Fenster und denke mir seltsame Worte und Sätze aus. 

Es kann auch vorkommen, dass ich das ein oder andere zeichne. Dabei nehme ich mir nicht immer das zu Herzen, was John Ruskin über das Zeichnen äusserte. Nachlesen kann man vieles davon in dem schönen Buch: „Die Grundlagen des Zeichnens in drei Briefen für Anfänger“ (der Titel der englischen Originalversion lautet übrigens „Elements of Drawing“ und ist 1857 erstmals veröffentlicht worden). Das Buch ist 2019 in der Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung erschienen. Der im Zeichnen Geübtere wird vielleicht einwenden, dass dieses Buch nichts für ihn sei … is doch für Anfänger. Klar, aber als ein Geübterer würde ich sagen, dass man immer an einem Anfang steht. Mit jeder Zeichnung, die man neu beginnt, ist man auch wieder Anfänger.

„Wahre Kühnheit und Kraft lassen sich nur durch Sorgfalt erreichen“, schrieb Ruskin, und ich, als ich es las, senkte demutsvoll mein Haupt. Erwischt, die Sorgfalt ist mir oft abhanden gekommen, irgendwo auf meinem Weg, und über Kühnheit und Kraft will ich gar nicht reden. Sollte ich jetzt schamrot werden? Nö. Alles in Ordnung, ich komme damit zu recht.

Die Grundlagen, die Ruskin formulierte - Geduld, Hingabe und Präzision - gelten nicht nur für das Zeichnen, aber dort ganz besonders. Daran dachte ich, als ich John Ruskin überwachsen ließ. Auf einer alten Fotografie, die mich dazu inspirierte, entdeckte ich den alten Zausel mit seinem wilden Bart. Im schicken Ausgehrock und mit Stock hatte er sich inmitten wuchernder Vegetation an eine Trockenmauer gelehnt und wartete darauf, dass der Fotograf endlich den Auslöser fand und das Magnesium mit einem lauten Knall verbrannte. In meinem Bild deutet jetzt nichts mehr auf John Ruskin hin, sein Gesicht ist überwachsen, und man muss schon das Ursprungsbild kennen, um zu wissen, wer sich dort versteckt. Aber wer kennt überhaupt noch John Ruskin? Dabei sollte er als früher Kritiker der Industrialisierung, die damals aus Dampfmaschine und Eisenbahn bestand, eigentlich aktueller sein denn je.

In dieser Corona-Zeit sieht man doch öfter auf Bildschirme als es einem lieb ist. Mir geht es jedenfalls so. Bei Netflix ist mir die kleine Serie „The English Game“ aus der Frühgeschichte des Fußballs nicht entgangen. Ja, Geduld, Hingabe und Präzision sind natürlich auch bei diesem Sport treffend anwendbar. Ich weiß nicht, ob Ruskin ein Fußball-Fan war. Vor einigen Jahrzehnten hatte ich mal eine Biografie über Ruskin gelesen, kann mich aber nicht erinnern, ob eine Bemerkung über Fußball darin zu finden war. Eher nicht. Die Serie zeigt jedenfalls einen Ausschnitt des ausgehenden 19.Jahrhunderts, spielt also zu Lebzeiten Ruskins, als aus einem Sport feiner Herren der Upper Class eine Massenkultur wurde, weil plötzlich die Arbeiterschaft ihren Spaß daran fand. Obwohl es letztlich um den FA-Cup geht (das ist der Pokal, den Klopp mit Liverpool nicht so richtig ernst nimmt) und um die ersten Profifußballer, ist das alles gut verdaulich eingebettet in eine Mixtur aus Liebe, Klassenkampf und gesellschaftliche Regeln. Kurz: Blut, Schweiß und Tränen. Eben alles, was zum Fußball gehört … und zum Zeichnen. Die Ausstatter der Serie haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Auch in der verrauchtesten Kneipe stehen üppige Blumensträuße auf der Theke. Kaum entdeckt das Auge etwas, das an dem Ort nicht recht passen will, setzt auch schon die Konditionierung ein und man sieht es plötzlich überall. In diesem Fall die Blumensträuße. So sind sie eben, die Engländer, die wahren Gärtner Europas. Und dann, im Zimmer einer kleinen Pension, kommt ein Atemhauch von Ruskin ins Bild. Eine Arts and Crafts-Tapete von Morris und Co. 

Das war für mich der Moment, in dem ich ein tiefes Bedauern empfand, weil ich John Ruskin überwachsen ließ. Das hat er nicht verdient.

Als der Fotograf John Ruskin an der Trockenmauer für die Nachwelt in seinem Kasten einsammelte, war der schon längst eine große Nummer im viktorianischen Britannien. So was wie der Reich-Ranicki der britischen Kunstgeschichte mit viel Ruhm, Ehre und Einfluss. Mitte des 19. Jahrhunderts war er zusammen mit William Morris der Begründer des Arts and Crafts Movement, einer Bewegung, die in der Zeit der unaufhaltsamen maschinellen Produktion eine Rückbesinnung auf das Handwerk, Einfachheit und ernsthaften Umgang mit dem Material anstrebten. Letztlich ging es darum, eine nachhaltige Verbindung von Kunst, Gesellschaft und Arbeit zu schaffen. Die Arts and Crafts-Bewegung beeinflusste viele Strömungen, die einen im weitesten Sinne ganzheitlichen Ansatz verfolgten, wie Art Nouveau, Jugendstil bis hin zum Bauhaus.

Das Problem bei solchen idealistischen Bewegungen ist natürlich, dass sie nie umfassend in der Breite der Gesellschaft wirken, sondern nur ein Randaspekt bleiben. Als elitäre Veranstaltung, die ihre eigentliche soziale Zielgruppe selten erreicht. Kann man mögen, muss man aber nicht.

Ich mag halt das Zeichnen und ärgere mich immer mehr darüber, John Ruskin überwachsen zu haben. Gerade jetzt hätte ich ihm gerne mal den Bart gekrault.

John Ruskin, 1819 - 1900, britischer Autor, Maler, Kunsthistoriker und Sozialphilosoph.

Text und alle Bilder: Dieter Motzel.

1. Juni 2020. Urlaub daheim

Foto: Dieter Motzel

Urlaub daheim

Die Nacht muss auf dem offenen Meer sehr stürmisch gewesen sein. Am nächsten Morgen war der Weg zum Hafen noch mit Strandgut gesäumt. Eine halbleere Weinflasche und zerschellte Bierflaschen blieben als stummen Zeugen dieser unruhigen Nacht zurück. Mit klammem Herzen sah ich der Ankunft der Fischerboote entgegen. Mit der aufgehenden Sonne hatte sich die aufgewühlte See beruhigt. Als sich über das blaue Meer das erste Fischerboot dem Hafen näherte, wusste ich, dass alles gut werden würde.

15. Mai 2020. Robinienlust

Robinienlust

Irgendwann im Mai musste die Nachricht auch hierher in die beschauliche Darmstädter Provinz gelangt sein. Eine Postkutsche oder ein Depeschenreiter schaffte es fast immer in wunderlicher Weise durchzukommen. Jedenfalls schien die alte Robinie im Hinterhof endlich die Nachricht erhalten zu haben, Baum des Jahres 2020 geworden zu sein. Die Freude war so groß, dass sie sofort begann ihren Festschmuck anzulegen, der sie mit weißen Blütendolden üppig bedeckte. So viel Schönheit war schwer zu widerstehen, und ich saß ein ums andere Mal davor und konnte mich nicht satt sehen an ihrer süßlichen insektenumschwärmten Blütenpracht. In der lichten Abendsonne, die selbst den frischgrünen, gefiederten Blättern einen goldenen Anstrich gab, turnten drei Tauben durch das Geäst und pickten an den Blüten. Wenn die Tauben wüssten, dass die Blüten in Teig ausgebacken eine noch feinere Leckerei sind, hätten sie sich wohl öfter in unserer Küche blicken lassen. Zumal Tauben recht anspruchslos sein sollen, was speziell meiner Küche entgegen käme. Aber, was weiß ich schon von Tauben … und Robinien?

Nicht viel. Vielleicht ein bisschen mehr von der Robinie, die ich gut vom Sehen kenne, denn sie wächst direkt neben unserem Küchenfenster. Ihre Äste habe ich schon gezeichnet, im Winter, als sich ihre Konstruktion völlig entblättert zeigte und ein kaltes Licht harte Schatten warf. Noch viel öfter zeichnete ich sie mit den Augen. Ihre seltsame, fast groteske Aststruktur mit vielen spitzen Winkeln, von denen ich kaum Glauben mag, dass sie auf natürliche Weise wuchsen. Als hätte eine unsichtbare Kraft die Äste geknickt und gefaltet. Ein übergroßer Bonsai, der immer wieder in neuen Wegen wachsen musste, um seinem unsichtbaren Gärtner zu gefallen. Es schien doch nicht so leicht zu sein, im leeren Raum einen gangbaren Weg zu finden.

Bei einem heftigen Sturm im vergangenen Jahr wurde ein großer Ast abgebrochen. Durch ein Stück roten Stoffes, das unter dem mächtigen Ast hervorlugte, wurde kurzzeitig meine Hoffnung genährt, dass es diesmal eine mir unliebsame Person erwischt hätte, und zwar mit einem gewaltigen Bumms. Leider bewahrheitete sich meine Hoffnung nicht. Der Robinie gab ich keine Schuld, sie blieb mein alter Sehnsuchtsbaum, denn der nächste Sturm würde kommen. So sicher wie der nächste Depeschenreiter.

Als Fachmann für Alles und Nichts, mit Schwerpunkt beim Zweiten, tat ich mich immer schwer damit, ihr Alter zu bestimmen, zumal ich keine Lust auf eine genauere Recherche verspürte. Die gewöhnliche Robinie (Robinia pseudoacacia) tauchte erst vor einigen hundert Jahren aus Nordamerika kommend in Europa auf. Sie machte es sich hier schnell in Gärten und Parks behaglich. Einige der ältesten Bäume von Paris sind Robinien. Gut, Darmstadt ist nicht Paris, und meine Hinterhof Robinie sicherlich nicht Älter als 50, 60 Jahre. Jedenfalls hatte ihre bisherige Lebenszeit völlig ausgereicht, um in ihrem Stamm tiefe längsrissige Furchen zu hinterlassen. Das erfreute schon oft einen Grünspecht, der den Stamm geschickt umturnte und seine Zunge in jeder Spalte des Baumes ausrollte. Während ich dem Specht beim Essen zuschaute, verkniff ich mir jeden Gedanken daran, auch mal in die Rinde zu beissen. Außer den Blüten ist so ziemlich alles an der Robinie sehr giftig. Professionelle Giftmischer wissen das, andere, wie ich, experimentieren noch. Angeblich lässt sich aus der Fruchtschale ein stark narkotisches und berauschendes Getränk herstellen.

Während ich noch mit Mischungsverhältnissen beschäftigt war, hatte die Robinie einen Teil ihrer üppigen Blütenpracht verloren. Einige Tage Regen und Wind genügten, um die zarten Blüten wie Schnee am Fenster vorbeitreiben zu lassen. Sie lagen nun auf dem Boden wie Krümel auf einer Tischplatte, als Erinnerung an ein großartiges Buffet. 

Text/Fotos: Dieter Motzel 2020.

9. Mai 2020. Seltsame Natur

Immer wieder gibt mir die Natur ein Rätsel mit auf den Weg, das ich nicht zu lösen vermag. Auf einem Waldspaziergang entdeckte ich ein Schaf, das sich wohl im Wald verlaufen hatte und nun Zuflucht und Schutz in einem Baum fand. Armes Schaf, dachte ich im Vorbeigehen.

Einige Schritte weiter war ich dann doch froh, den treuen Schäferhund zu treffen, der das Schaf schon in den Bäumen suchte, um es zu seiner Herde zu begleiten. Widererwarten fügt sich doch manchmal alles zum Guten, sogar in der Natur.

Text/Fotos: Dieter Motzel

27. April 2020. Alles wird gut, wenn die Zahlen stimmen

"Selbst", Pastell auf Papier, 50 x 70 cm. Dieter Motzel.

Alles wird gut, wenn die Zahlen stimmen

Morgens zähle ich Vögel

Mittags zähle ich Klopapier

Abend zähle ich Fledermäuse

Nachts zähle ich Schäfchen

Dann bin ich angezählt

14. April 2020. Frühling 2 & 3

"Wildnis", Digitalprint 201?, Dieter Motzel.

Frühling 2

Weil es mich in aufgeregten Zeiten beruhigen sollte, wollte ich die Vögel singen hören. Frühmorgens, um mit ihnen den Tag zu beginnen. In der zweiten Nachthälfte wachte ich auf. Die Dämmerung war noch nicht in Sicht. Ich hörte keine Vögel und schlief wieder ein. Als ich wieder aufwachte war die Sonne längst aufgegangen, und ich hörte keine Vögel mehr. Ihr Gesang hatte sich erschöpft. Zwei Tauben liefen stumm über die Wiese.

Dann doch noch ein Krächzen, kein Gesang. Vielleicht der Nachbar. Ich werde es in der kommenden morgendlichen Dämmerung noch einmal versuchen. Ich will die Vögel singen hören.

 

Frühling 3

Es ist Brut- und Setzzeit. Ich nehme den Hund an die Leine. In der Wohnung wirkt das ein wenig übertrieben. Weil ich aber den ganzen Tag über nicht so recht wusste, wo ich mein Ei hinlegen soll, scheint mir Vorsicht geboten.

12. April 2020. Frohe Ostern

"Osterhasen", Acrylfarbe auf Papier, Dieter Motzel.

9. April 2020. Frühling 1

Foto: Dieter Motzel, 2020.

Frühling 1

Ein strahlend blauer Himmel dehnte sich viel weiter als es sonst üblich war. Die trockene Luft sorgte dafür, dass die Flugzeuge ihn nicht zerkratzen konnten. Er blieb den ganzen Tag makellos in seiner Farbe. Die Birke im Hinterhof stand in voller Blüte. Golden strahlten ihre Blütenkätzchen in der Nachmittagssonne. Ein filigraner Vorhang, der Allergikern das Leben so schwer machte. Sie schaukelten hier beschwingt und leicht im Wind vor diesem surrealen blauen Hintergrund. Irgendwann werden die grüngoldenen Würmchen zu veritablen Samenschleudern, die, durch die Luft getragen, in die kleinsten Ritzen vordringen werden. Wenn es so weit sein wird, können sie auf mir Halt finden und keimen. Ich werde dann immer noch hier sitzen, im Frühling in Corona-Zeiten, so, als wäre in der Zwischenzeit nichts passiert. Nur die Zeit hätte ausgesetzt.

Im Frühling würde ich diesen Platz nicht mehr verlassen, sähe jeden Tag, wie sich in der Dämmerung die Farben verlieren und sich die Birke in eine feine chinesische Tuschzeichnung verwandelte. Ich würde dabei so gerne den Pinsel führen.

30. März 2020. Schichten

Zeichnungen auf Transparentpapier: Dieter Motzel

24. März 2020. Von E- zu U- in vier Bildern

Text/Bild: Dieter Motzel, 2020.

21. März 2020. Frühling, isoliert

Foto: Dieter Motzel, 2020.

8. März 2020. Oh, Weltfrauentag

Zeichnung: Dieter Motzel.

28. Februar 2020. Nachricht aus einer anderen Welt

Skizzenbuchseite 27. Februar 2020, Dieter Motzel. 

25. Februar 2020. Hoffentlich bildet sich keine Warteschlange

Hoffentlich bildet sich keine Warteschlange.

Am anfälligsten für Angriffe bin ich in den frühen Morgenstunden. Aus Gründen der Körperreinigung nehme ich für etwa eine Stunde meinen Alu-Hut ab und lege damit meine Achillesferse frei. Ungefiltert strömen dann Meldungen, Nachrichten, manchmal auch nur Mutmaßungen und Gerüchte auf mich ein. Am Ende weiß ich Dinge, die ich nie wissen wollte, und damit muss man erstmal klarkommen. Zwischen Dusche (ohne Alu-Hut) und Frühstück (mit Alu-Hut) erwischte mich dieser Tage eine Mitteilung der TU Hamburg.

„Neben den All-Gender-Toiletten wird es künftig auch (Frauen Inter Nichtbinär Trans)*-Toiletten geben, die für Frauen, intergeschlechtliche-, nichtbinäre- und sich als trans identifizierende Menschen gedacht sind.“

Nach Eingang dieser Nachricht gelang mir ein persönlicher Rekord. Ich schaffte es, innerhalb von nur 1,17 Sekunden meinen Alu-Hut wieder aufzusetzen.

16. Februar 2020. Der Klassiker:

Frühlingsflausen

Vom Winde verweht

Skizzen, Öl auf Papier, ca. 30 x 40 cm, Dieter Motzel, 2019.

14. Februar 2020. Hochkonjunktur der Moral-Verkäufer

Der Renner ist momentan der Familien- und Sippen-Pranger.

19. Januar 2020. Tagwerk mit göttlichem Funken

8. Januar 2020. Beethoven marschiert ...

Beethoven marschiert, ... und die Zeit marschiert mit. Im Programmheft 2017/2018 der Kölner Philharmonie zeigte sich mein Beethoven mit Geburtstagskuchen zum 247. Drei Jahre später, zum 250., zeigt er sich noch genauso frisch. Altern ist wohl nicht so seine Sache. Gut, mein Lieber, dann setz dich ans Klavier und klimpere ein bisschen.

"Geburtstagskuchen für Beethoven", farbiger Linoldruck, 2005?, Dieter Motzel

"Erwartung", farbiger Linoldruck, 2005?, Dieter Motzel

31. Dezember 2019. Zum Jahresabschluss ...

... vier Skizzenbuchseiten mit Fontane, mehr oder weniger. Mein Vorsatz für das neue Jahr steht: Weniger mit Leuten beschäftigen, die eine an der Waffel haben, dafür mehr mit Leuten, die etwas in der Birne haben.

Allen einen guten Rutsch!

Weihnachten 2019.

Zeichnung: Dieter Motzel, 2019.

Dunstige Tage im Dezember.

Im Treppenhaus fand sich in krakeliger Kinderschrift eine dringliche Mitteilung an eine Mama: „Ich hase dich.“. Ein kluger Gedanke, die wichtige Botschaft im Haus zu hinterlassen. Bei den vorherrschenden dunstigen Tagen am Anfang des Monats reichte ein Schritt vor die Tür, um selbst die klarsten Sachverhalte nebulös verschwinden zu lassen. Himmel der Götter, wer von euch ist hier zuständig? Im Ernst, lasst mal einen von euren Götter-Bälgern, meinetwegen auch einen Halbgott, durch die Luft switchen, der diesen bedrückenden Dunst zerfetzt, in Stücke reißt und damit die Luft wieder atembarer macht. Das wäre doch mal eine machbare Aufgabe für einen dieser Nichtsnutze, die dort oben bei euch abhängen. Diesen zähen Kleister, der sich sofort daran macht, alles zu durchdringen, wieder in eine klare und durchschaubare Luft zu verwandeln. Ich leg euch auch nen Zehner auf den Götter-Altar, oder wahlweise, auch wenn es mir schwerfällt, ein Stück von meinem Schoko-Nikolaus. Tut etwas, ich glaube an euch. Bisher jedenfalls gab es für mich keinen Grund, eine gute Theorie aufzugeben, nur weil sie nicht stimmte. Macht was, sonst hase ich euch, ihr Götter. 

Die zähe Luft hat sich in den letzten Wochen in einen Frühling verwandelt, und wenige Tage vor Weihnachten simuliert ein nimmermüder blühender Gänseblümchen-Teppich Schnee auf einer Wiese. 

Die längste Nacht des Jahres liegt nun hinter uns. Es geht aufwärts und die geschenkte Zeit zwischen den Jahren ist der Wimpernschlag, den der eine und andere zum Atemholen nutzen wird. Während das neue Jahr schon fordernd mit den Hufen scharrt, ist das alte Jahr noch nicht einmal richtig verdaut. Wie jedes Jahr ging alles ziemlich schnell vorüber. 

Allen wünsche ich friedvolle Weihnachtstage und ein kunstvolles neues Jahr!

24. November 2019. Stinkwanzen-Blues

"Herbst-Blues". Foto: Dieter Motzel.

Stinkwanzen-Blues

Der Geruch meiner Finger wird durch die Kopfnote Lösungsmittel aller Art bestimmt. Dazu kommen noch verschiedene Farbgerüche, eventuell auch Spuren  von wenig geruchsneutralen Säuren. Da das ganze nicht ausgewogen abgestimmt ist, wird es gewöhnlich mit „das stinkt gewaltig“ kommentiert. Zum Glück bin ich auch im Besitz von Seifen und Laugen, die diesen Geruchseindruck für meine Mitmenschen auf ein erträgliches Maß eindämmen können. Mich persönlich stört diese olfaktorische Explosion eher wenig, habe aber Verständnis, wenn andere darüber über Schwindelgefühle klagen. 

Es gibt Situationen bei denen die beste Seife ihren sonst zuverlässigen Dienst versagt und der Duft der Finger um eine unbekannte und sehr unangenehme Note erweitert wird. Dabei meinte ich es wirklich gut mit ihr, als ich die Wanze sachte nach draußen befördern wollte. Den sonnigen Platz, den sie sich ausgesucht hatte, war für ihr weiteres Leben denkbar ungeeignet. So entschied ich es zumindest für sie. Ganz so wie es ihr Aussehen versprach, Krieger eben, ließ sie es sich nicht nehmen, ihr furchtbar stinkendes Sekret über meine Finger zu verteilen. Sehr nachhaltig begleitete der Geruch mich durch den Tag. 

So geht Stinkefinger!

10. November 2019. Mein Freund der Baum

Zeichnung: Dieter Motzel, 2016.

Mein Freund der Baum

Am Rande des Weges waren die Stämme von kürzlich gefällten Bäumen aufgeschichtet. Soweit ich es auf den ersten Blick sehen konnte, war kein Freund darunter. Mich befiel trotzdem ein leichtes Gruseln und eine Gänsehaut kroch über meine Arme. Ja, in etwa so, als würde ich Alexandra singen hören: „Mein Freund der Baum … ist tot … er fiel im frühen Morgenrot“. Dann kommt das Frösteln. Diesmal war es aber der feuchte Atem des Waldes, der in die Falten und Ritzen meiner Kleidung kroch und mir diesen Effekt bescherte, und nicht die Stimme Alexandras, die vergeblich versuchte, eine positive Resonanz an meinem Gehörgang zu erhalten. Ach, Alexandra, lass mich in Ruhe, ich wollte das Liedchen 1968 nicht hören, weil mich deine Stimme tüchtig begruselt hatte, und ich will es nun schon gar nicht mehr hören, weil sie das noch immer tut. Sieh es einfach positiv, vielleicht wurde ja aus deinem Freund, dem Baum, ein schönes Furnier, das die Augen nun an einer Kommode erfreuen lässt und die Ohren nicht belästigt, also verschwinde und versuche nicht in meinem Gehörgang zu bleiben.

Die Reifen schwerer Maschinen hatten dem Waldboden ihren Stempel aufgedrückt. Ein gezacktes Endlosband, das sich durch ein Vor, Zurück und Seitwärts der Reifen an vielen Stellen zu einem Knäuel verdichtete, das selbst der talentierteste indianische Spurensucher Karl Mays nicht mehr hätte entwirren können. Es blieb ein ordentlicher Morast mit gezackten Rändern zurück. Einen Teil davon konnte ich mit meinen Schuhen mit auf den Heimweg nehmen. Zu guter Letzt bekam ich noch Ärger mit einigen halbwüchsigen Bäumen. Sie bewarfen mich mit reifen Eicheln, die schon den ganzen Weg bedeckten. Nein, wir werden keine Freunde mehr, ihr Bäume. Dafür habe ich euch auch schon viel zu oft angepinkelt.

20. Oktober 2019. Schopenhauer

"Schopenhauer", Zeichnung: Dieter Motzel.

5. Oktober 2019. Weinheim

Foto: Dieter Motzel, 2019.

Weinheim

Das Wort „Berg“ erweckt in mir immer ein ungutes Gefühl, insbesondere, wenn ich unten im Tal stehe und eine Stimme von mir verlangt, den sich vor mir auftürmenden Berg zu ersteigen. Wenn es denn gelingt, kommt zumindest nach der harten Arbeit der Genuss eines Weitblickes, der im Tal gewöhnlich verwehrt bleibt. Unsere heimische Bergstraße hat aber mehr zu bieten als eine Straße unten im Tal, oben ein paar Berge und die Anstrengung, zu Fuß von unten nach oben zu gelangen. Marketing-Fuzzis, die die Bergstraße bewerben, können meist nicht widerstehen, einen Ausspruch von Kaiser Joseph II. zu zitieren: „Hier fängt Deutschland an Italien zu werden“. Das kann man so sehen, und in Anbetracht der zahlreichen Palmen und Bananenstauden, die sich in den Vorgärten der Sonne entgegenstrecken, wird schon mal auf die überaus milden klimatischen Bedingungen in der oberrheinischen Tiefebene hingewiesen. Wein gibt es hier natürlich auch. Der trennt seine Anbaugebiete an der Landesgrenze in die hessische Bergstraße und in die badische Bergstraße. An einem herrlichen Septembertag war ich in der kurpfälzischen Stadt Weinheim unterwegs und lernte, dass Kaiser Joseph II. irrte. Denn hier fängt Deutschland, an Frankreich zu werden. Der erste Bewohner mit dem ich an diesem Tag in Kontakt kam, grüßte mit einem „Bonjour“ und verabschiedete sich mit „Au revoir“. Zwischen diesen Wörtern war ein zehnminütiges Plaudern über die Hunde, die wir an den Leinen führten. Mein Gegenüber prägte das Gespräch mit seinem starken französischen Akzent. Gut, für jemanden, der weder das Französische noch den hiesigen Kurpfälzer Dialekt beherrscht, klingt beides nicht unähnlich. Siehste mal, Joseph, so kann man sich täuschen, dachte ich mir. Nix Italien, eher Frankreich. Vielleicht wollte der gute Joseph bei seinen Bergstraßen-Betrachtungen Frankreich außen vor lassen. Dort sah seine Schwester, Marie-Antoinette, den Wirren der kommenden Revolution ins Auge, bei der sie noch ihren Kopf verlieren sollte. Oder er musste, als deutsch-römischer Kaiser, seine Italiener mit ins Boot holen. Egal, ich ließ die Vergangenheit ruhen und blickte auf die ungewisse Zukunft. Die hatte 220 Höhenmeter, nannte sich Schlossberg und wollte von mir bestiegen werden. Langsam und stetig schaffte ich es tatsächlich in die hochgelegene Altstadt zu gelangen. Dort gönnte ich mir, voller Stolz, dieses beschwerliche Stück der Zukunft gemeistert zu haben, einen Freiluft-Kaffee und ein Stück Apfeltarte (klar, Frankreich). Die Tarte war mächtig, aber abwärts geht es bekanntlich leichter, wenn man wie ich Übung darin hat, sich zu einer Kugel zu formen. Vorher schaute ich mir aber noch eine der größten und ältesten Zedern in Deutschland an. Im Anschluß daran noch eine Menge anderer Exoten, denen man in Weinheim einen eigenen Wald spendiert hat. Zwischen Riesenmagnolie und Mammutbaum ist dort vieles zu finden, was man hier zu Lande sonst lange suchen muss. Wer den kleinen Schlosspark an der Altstadt durchquert, findet schon den aufsteigenden Weg zu den alten Baumexoten aus aller Herren Länder. Wer mag, kann hier eine Weile fürs Klima hüpfen, oder einfach nur posieren für Instagram. 

Es war Zufall, dass das junge Paar meinen Weg kreuzte. Routiniert setzte sich das aufgehübschte Mädel in ihrer knalligen senfgelben Jacke in Pose. Überall, wo ein nur halbwegs passables Bildmotiv im Hintergrund lauerte, saß oder stand sie davor, während ihr Begleiter mit dem Smartphone am Selfie Stick sie dirigierte. Auf meinem weiteren Weg begegnete mir das Paar praktisch überall. Wohin ich auch kam, die gelbe Jacke war schon da und blickte ins Objektiv. An diesem Tag fotografierte ich kaum. Ich hatte Angst, später am Rechner meine Bilder anzusehen und darauf die gelbe Jacke zu entdecken.

Ich dachte darüber nach, wie viel von der Welt übrigbleiben würde, wenn all das, was schon einmal fotografiert gänzlich verschwinden, und nur eine blinde Stelle oder einen weißen Fleck hinterlassen würde.

haushundhirsch

illustrative dinge

dieter motzel